Kulturmedienschau

Deutsch-Türkin Semra Ertan zündet sich heute vor 39 Jahren an – „Als unbrauchbare Menschen verkauft“ | 26.5.2021

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Heute vor 39 Jahren zündet sich die Autorin und Tochter türkischer Gastarbeiter Semra Ertan auf St. Pauli an. Deutschland habe sie als „feindliches Hinterland“ erlebt, schreibt die taz. Rassismus lautet auch ein aktueller Vorwurf gegen Jens Spahn.

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Der Fall Semra Ertan

„Mittwochmorgen, 26. Mai 1982, Semra Ertans Geburtstag: 25 Jahre wird sie alt. Es ist 5.15 Uhr. Semra Ertan übergießt sich an der Kreuzung Simon-von-Utrecht-Straße / Detlef-Bremer-Straße in Hamburg St. Pauli mit Benzin. Sie zündet sich an. Per Zufall entdeckt eine Polizeistreife die brennende Frau, erstickt die Flammen. Sie kommt ins Hafenkrankenhaus, wird dann in (eine andere) Klinik verlegt, wo sie zwei Tage später ihren Verletzungen erliegt.“

So rekonstruiert die taz am 26.5.2021 den Fall Semra Ertan auf den Tag genau 39 Jahre später. Was brachte die Tochter türkischer Gastarbeiter, die über 350 Gedichte geschrieben hat, dazu, sich öffentlich in Brand zu setzen?

Die taz erinnert an den „jugendlichen Elan“, mit dem Semra Ertan aus der Türkei nach Kiel kommt und dort mit der „deutschen Realität“ konfrontiert ist: Wie sie Technische Zeichnerin werden will, die deutschen Behörden sie aber ausbremsen und sie keinen Beruf findet. Wie sie nervenkrank wird, versucht, sich das Leben zu nehmen — und ihr ein Arzt daraufhin rät, beim nächsten Mal doch von einer Hochbrücke zu springen.

„Als Angehörige der 'zweiten Einwanderer-Generation' hatte sie keinen Platz in der Gesellschaft gefunden — als politisch denkende Frau und Künstlerin erlebte sie Deutschland als ein feindliches Hinterland. Sie gehört einer Generation von Migrantinnen und Migranten aus der Türkei an, die sich oft fühlten, als wären sie als 'unbrauchbare Menschen nach Deutschland verkauft', nur Devisenbringer für 'das Vaterland'.“ (taz vom 26.5.2021)

Semra Ertan hatte ihre Selbstverbrennung in einem Interview mit dem NDR angekündigt, auch zu lesen in der taz: Warum sie in den Hungerstreik gegangen sei, fragt die NDR-Journalistin — Ertan antwortet: „Vielleicht können die deutschen Behörden ein bisschen besser gutmütig sein. Wenigstens sollen wir hier nicht wie Hunde behandelt werden, von den Deutschen. Ich möchte richtig wie ein Mensch behandelt sein.“

Geschrieben hat den taz-Artikel der Soziologe Gürsel Yıldırım, der eine Initiative für Semra Ertan mitangestoßen hat und auch jetzt in der taz einen Gedenkort fordert, eine Semra-Ertan-Straße oder Semra-Ertan-Platz auf St. Pauli: „Wir brauchen einen Ort, wo wir unsere Blumen hinlegen können“, schreibt Yildirim.

Immerhin, späte Anerkennung für diese Frau: Semra Ertans bekanntes Gedicht „Mein Name ist Ausländer“ wurde nicht nur in Schulbüchern der Türkei abgedruckt. 2020 wurden ihre Gedichte, Briefe und Notizen unter eben diesem Titel „Mein Name ist Ausländer“ auf Türkisch und Deutsch veröffentlicht.

Dafür hat ihr die Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz in diesem Jahr posthum eine außerordentliche Alfred Döblin-Medaille zuerkannt. Dazu passt ein Zitat von Semra Ertan aus dem Jahr 1977: „Erst später werden sie es schätzen / Deren Wert. / Dann werde ich / Allen unbekannt / In weiter Ferne sein.“

Jens Spahn und Auslandsbesuche in der Türkei und auf dem Balkan:

Apropos deutsche Ausländerfeindlichkeit, auch wenn sich damals und heute nur bedingt vergleichen lassen: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn erklärt in der Bild am Sonntag, die vielen Auslandsreisen — häufig Verwandtschaftsbesuche in der Türkei und auf dem Balkan — hätten im letzten Sommer phasenweise rund 50 Prozent der Neuinfektionen bei uns ausgelöst. Dabei hatte das RKI schon im Februar festgestellt, dass das so nicht stimmen kann.

Der Gesundheitsminister hat es bis heute nicht geschafft, dass die versprochene Nachverfolgung von #Infektionen gelingt. Aber die Gefahr kommt natürlich aus der #Türkei oder vom #Balkan. Unverantwortliches, polarisierendes Dahergerede. #spahn #bild https://t.co/npJJPjYNYc

Jens Spahn meinte gerade im ZDF, dass die Familienbesuche auf dem Balkan Schuld an der zweiten Welle gewesen seien und ich wundere mich eigentlich nur, dass es solange gedauert hat, bis er versucht, sein persönliches politisches Totalversagen auf "die Ausländer" zu schieben.

Äh, öh, die Ausländer sind schuld...! https://t.co/PhUZgxgSse https://t.co/OTUfM1bTvD

Gespräch Ein Jahr nach dem Tod von George Floyd: Rassismus bekämpfen heißt das System verändern

Nur durch systematische Veränderungen und mehr Verständnis für die Gefühle der Mitmenschen können wir Rassismus in Deutschland und anderswo bekämpfen, betont der Mitbegründer des Bündnisses #youthagainstracismffm, Joel Ghirmay, gegenüber SWR2.  mehr...

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Bericht und Rezension von Ulrich Rüdenauer.

Aus dem Türkischen von H. A. Schmiede, J. Schenk, J. Theobaldy und G. Kraft
Verbrecher-Verlag
ISBN: 9783957324009
22 Euro  mehr...

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