Gespräch

US-Interventionen in Afghanistan und Vietnam: „Die Ähnlichkeit ist auf den ersten Blick frappierend“

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Die dramatischen Bilder aus Afghanistan wecken Erinnerungen an den Vietnam-Krieg. Die Flucht der US-Amerikaner aus Saigon 1975 ähnele der heutigen aber nur auf dem ersten Blick, sagt der Journalist und Nahostexperte Michael Lüders im Gespräch mit SWR2: „Trotzdem sind die Verhältnisse in Vietnam 1975 und in Afghanistan 2021 gänzlich unterschiedlich“.

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„David gegen Goliath“-Prinzip

Gemein sei aber beiden Konflikten, dass das Konzept der militärischen Intervention unter Führung der USA nicht aufgegangen ist, so Lüders: In Vietnam wie auch in Afghanistan habe sich die Weltmacht einer militärischen Macht geschlagen geben müssen, die im Grunde genommen gar nicht hätte standhalten können gegenüber der geballten Macht der USA.

Ein 1975 Schwarz-Weiß-Ausdruck der am 15. Mai 2009 von Spaarnestad veröffentlicht wurde, ein Abzug der berühmten Fotografie des holländischen Fotografen Hugh Van Es. Zu sehen sind Menschen, die einen Air America Helikopter besteigen, nicht weit entfernt von der US-Botschaft während des Falls von Saigon. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture-alliance/ dpa | epa anp Hubert Van Es ¿HIO)
Viele fühlen sich an diese Szenen 1975 während der Eroberung von Saigon durch die nordvietnamesischen Truppen und den Vietcong erinnert. picture-alliance/ dpa | epa anp Hubert Van Es ¿HIO

Aber was die Taliban den USA voraus gehabt hätten, sei die tiefe Verwurzelung in der eigenen Bevölkerung und im paschtunischen Bevölkerungsteil. Diese sei auch zum Teil auf die brutale Bombadierung durch die USA zurückzuführen.

Menschenrechte waren nur vorgeschobener Grund

Beim US-Einsatz in Afghanistan habe es sich von Anfang an um geopolitische Interessen gehandelt: „Aus humanitären Erwägungen findet niemals eine militärische Intervention statt“, so Lüders. Es sollte eine Neuordnung der Region erzielt werden. Schon der Angriff als Vergeltung auf Afghanistan sei sehr umstritten gewesen — die Mehrzahl der Attentäter beim Anschlag auf das World Trade Center etwa sei aus Saudi-Arabien gekommen.

IMAGO  Eventpress (Foto: IMAGO, IMAGO / Eventpress)
Michael Lüders ist Publizist und Islamwissenschaftler. IMAGO / Eventpress

Afghanistan sei lediglich das Land gewesen, in dem Terrorchef Osama bin Laden zwischenzeitlich Unterschlupf gefunden hatte. „Man wollte einen Fuß in Zentralasien haben, um damit Russland und China ein bisschen Paroli zu bieten“, vermutet Michael Lüders.

Scherbenhaufen der NATO-Intervention

Das habe am Ende dazu geführt, so Lüders, dass dieses „Besatzungregime“ der NATO nicht mehr aufrecht erhalten werden konnte. Die Situation sei wie ein Kartenhaus in sich zuammengefallen — die USA und ihre Verbündeten, darunter Deutschland, stünden vor den Scherben ihrer eigenen Politik.

Gespräch Taliban-Einmarsch gefährdet Journalismus in Afghanistan - Überrollt vom Tempo der Mudschaheddin

Der Zeitungsverlegerverband, große deutsche Medienhäuser und die Journalistenorganisation ,,Reporter ohne Grenzen" fordern Not-Visa für ihre afghanischen Mitarbeiter und deren Familien. Im Gespräch mit SWR2 berichtet die Vorstandsprecherin von Reporter ohne Grenzen, Katja Gloger, von einer ,,Gefahr, die fast minütlich größer geworden ist."
Die erfahrene Journalistin sieht insbesondere Frauen in Lebensgefahr und erklärt die Bedeutung einheimischen Mitarbeiter für westliche Medien so: ,,Unsere Arbeit westlicher Korrespondentinnen und Korrespondenten ist kaum denkbar ohne die Unterstützung mutiger Kollegen vor Ort."
Ihre Organisation erstelle zurzeit eine Liste von gut zwei Dutzend afghanischen Mitarbeitern und deren Familien, die mithilfe von Not-Visa außer Landes gebracht werden müssten, so Gloger im Interview. Wie die Regierungen im Westen sei man auch von der Schnelligkeit der Machtübernahme der Taliban überrascht worden. ,,Unsere Gespräche hatten ergeben, dass man gedacht hat, man hätte vielleicht noch ein paar Wochen Zeit", gesteht Gloger die Fehleinschätzung ein.
Zu den Bildern von der Machtübernahme, die in diesen Tagen in aller Welt gezeigt werden, äußert sich Gloger nur vorsichtig, weil man deren Herkunft nicht verifizieren könne. Es könne sein, dass die Fotos und Filmsequenzen gezielt von den Taliban gestreut würden, um bestimmte politische Stimmungen zu erreichen. Unabhängigen Journalismus in Afghnanistan erwartet Gloger auf absehbare Zeit nicht mehr. Man versuche, in Nachbarländern wie Usbekistan Ausweichmöglichkeiten für afghanische Journalistinnen und Journalisten aufzubauen. ,,Das ist im Moment das einzig Vorstellbare", so Gloger  mehr...

SWR2 Journal am Mittag SWR2

SWR2 Forum Taliban erobern Afghanistan – Wohin mit den Flüchtlingen?

Claus Heinrich diskutiert mit
Peter Hornung, Korrespondent ARD-Studio Südasien
Gerald Knaus, European Stability Initiative, Berlin
Prof. Dr. Daniel Thym, Universität Konstanz, Mitglied des Sachverständigenrats für Migration (SVR)  mehr...

SWR2 Forum SWR2

Gespräch „Jetzt evakuieren“: Vormarsch der Taliban gefährdet Frauenrechte und Aktivistinnen

In den letzten 20 Jahren wurde für die Frauen in Afghanistan viel erreicht, sagt Monika Hauser von der Frauenrechtsorganisation Medica Mondiale. Mit Therapiezentren und kostenfreier Rechtsberatung oder Vertretung vor Gericht konnte vielen Frauen geholfen werden. Inzwischen sind die Kolleginnen von Medica Afghanistan nach Kabul geflohen. Unter den Taliban wird es keine Frauenhäuer mehr geben oder die Rechtsvertretung durch Anwältinnen vor Gericht. Denn das ist mit der Scharia nicht vereinbar. ,,Wir fordern sofort Visa für die bedrohten Frauenrechtlerinnen im Land, ein sofortiges Notaufnahmeprogramm", betont Monika Hauser. ,,Die Bundesregierung muss jetzt Einfluss nehmen darauf, dass die afghanische Regierung und die Taliban Bedingungen für die Frauenrechte aushandeln:" .Erst dann solle weiter westliches Geld nach Afghanistan fließen.  mehr...

SWR2 Journal am Morgen SWR2

Mittlerer Osten Afghanistans schleichender Niedergang

Fast täglich erleben die Menschen in Kabul Gewalt. Haroon hat die Regierung beraten, er ist sich sicher: Wenn der Westen den Geldhahn zudreht, kollabiert Afghanistan sofort.  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

Mittlerer Osten Afghanistan von der NATO allein gelassen – Angst vor Taliban und Bürgerkrieg

ARD-Korrespondentin Silke Diettrich war als einzige Journalistin dabei, als der letzte deutsche Flieger ausgeflogen ist. Jetzt nehmen die Taliban immer mehr Bezirke ein. Viele im Land machen sich große Sorgen – vor allem die Frauen. Von Silke Diettrich | Manuskript, Bildergalerie und mehr: http://swr.li/afghanistan | Bei Fragen und Anregungen schreibt uns: wissen@swr2.de | Folgt uns auf Twitter: @swr2wissen  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

Gespräch Jan van Aken über Afghanistan: Militäreinsätze sind keine Lösung

Die Gefahr ist real, dass Afghanistan wieder in die Hände der Taliban fällt, nach dem Abzug der internationalen Truppen aus dem Land. Afghanistan könnte sogar insgesamt zu einer Zäsur werden für die westliche Interventionspolitik. „Ich drücke alle Daumen, dass das hier im Westen zu einem Nachdenken führt“, sagt der Linken-Politiker Jan van Aken.
Mit Militär von außen in einem Land einzugreifen, führe nicht zu Demokratie und einer Verbesserung der Verhältnisse, sondern meist in den Bürgerkrieg. Die Ursprungsbegründung des Krieges in Afghanistan war „Rache für den Terror des 11. Septembers 2001“ und das sei in der internationalen Politik schon etwas Neues gewesen.
Menschenrechte hätten bei dem Einsatz in Afghanistan im Grunde keine Rolle gespielt, so Jan van Aken. Nur ein langsamer „Wandel durch Annäherung“ und nicht militärische Einsätze könne die Menschenrechtsverhältnisse in anderen Ländern langfristig gesehen verbessern, meint der Linken-Politiker.  mehr...

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