Ein Gespräch zwischen Arzt und Patient. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)

Der informierte Patient Was bringt Gesundheitskompetenz?

SWR2 Wissen. Von Marcus Schwandner

Gut informiert lebt man länger. Deshalb sollen Patienten ein aktiver Teil des Gesundheitssystems werden. Und zwar indem sie lernen, im Internet hilfreiche Informationen zu diversen Krankheiten zu finden und mit Ärzten auf Augenhöhe sprechen. Aber hilft diese Gesundheitskompetenz den Betroffenen wirklich?

Dauer

Die Gesundheitskompetenz der Deutschen lässt zu wünschen übrig. Jeder zweite Deutsche ist nicht wirklich kompetent, wenn es um das Thema Gesundheit geht. Das haben Wissenschaftler der Universität Bielefeld im Jahr 2016 in einer Studie gezeigt, für die insgesamt 2.000 Menschen persönlich befragt wurden. Anhand eines standardisierten Fragebogens sind die Forscher auf insgesamt vier Typen gestoßen, die nur unzureichend über Krankheiten, deren Behandlung und die Folgen informiert waren.

  • Menschen mit niedrigem Bildungsgrad
  • Menschen mit Migrationshintergrund
  • Ältere Menschen
  • Chronisch Kranke

Was bedeutet eigentlich Gesundheitskompetenz?

Kompetent in Sachen Gesundheit zu sein, das bedeutet vor allem zu wissen, wie sich gesundheitsrelevante Informationen ausfindig machen lassen. Außerdem bedeutet es, in der Lage zu sein, diese Informationen zu verstehen und zu beurteilen. Nur dann ist es auch möglich, sich im Falle von Krankheiten die nötige Unterstützung durch das Gesundheitssystem zu sichern, sich gegebenenfalls an der Behandlung der Krankheiten zu beteiligen und die nötigen Entscheidungen zu treffen.

Gesunde Ernährung (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Kompetenz und Wissen über eine gesunde Lebensweise sollte so früh wie möglich vermittelt werden. Thinkstock -

Gesundheitskompetenz lohnt sich - für alle

Die Gesundheitskompetenz der Menschen ist ein Schlüssel zu guter Gesundheit und längerem Leben - und damit auch zu geringeren Kosten für die Krankenkassen. Wer sich heute gut ernährt und Sport macht, lebt gesünder und muss seltener zum Arzt oder ins Krankenhaus.

Deutschland ist Schlusslicht

Im Vergleich zu den Bürgern in sieben anderen europäischen Ländern, schneiden die Deutschen bei der Gesundheitskompetenz schlecht ab. "Sehr gut" kennen sich nur 7,3 Prozent der Befragten mit dem Thema Gesundheit aus. Höchste Zeit also, etwas für die Gesundheitskompetenz der Deutschen zu tun, dachten sich Forscher der Universität Bielefeld und der Hertie School of Governance und haben im Nationalen Aktionsplan 15 konkrete Forderungen zusammengestellt:

Gesundheitsexperten fordern ein Schulfach Gesundheit

Bisher gibt es das nicht. Aber es existieren schon jetzt diverse Programme zur Gesundheitserziehung, die in den Unterricht an Schulen miteingebunden werden können. In Baden-Württemberg beispielsweise gibt es das Sciencekids Programm für Schulen. Das sind Materialien zur Gesundheitskompetenz, die die Lehrer für den Unterricht nutzen können. Mittlerweile arbeiten Lehrer an etwa 1.000 Schulen in Baden-Württemberg mit diesen Unterrichtsmaterialien.

Schüler und eine Lehrerin im Klassenzimmer während des Unterrichts (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Experten fordern mehr Gesundheitsbildung im Unterricht Thinkstock -

Gesundheitsinformationen nutzerfreundlich gestalten

lautet eine weitere Forderung des Aktionsplans Gesundheitskompetenz. Denn viele Menschen verirren sich im Angebots-Dschungel des Gesundheitssystems. Sie suchen im Internet nach Informationen und können nicht wirklich erkennen, ob diese neutral oder interessengeleitet sind. Gleichzeitig ist der Bedarf an wissenschaftlich gesicherten Informationen riesengroß. Informationen zum Thema Gesundheit seien sehr gefragt, betont die Leiterin der Patientenuniversität, Prof. Marie-Luise Dierks. Dabei stünden vor allem Fragen wie: Welche neuen Behandlungsmöglichkeiten gibt es im Falle meiner Krankheit? im Vordergrund.

Ein interessantes Angebot in diesem Zusammenhang bietet die Patientenuniversität an der Medizinischen Hochschule Hannover. Deren Veranstaltungen zu Diabetes, Migräne, Venenerkrankungen oder Depressionen zum Beispiel sind regelmäßig gut besucht.

Durch Veranstaltungen der Patientenuniversität könnten sich Betroffene auf den neuesten Stand bringen. Das sei durchaus sinnvoll, denn die Hausärzte könnten nicht immer über alle Krankheitsbilder und die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse informiert sein. Außerdem fehle ihnen häufig auch die Zeit, ihren Patienten und Patientinnen alles ausführlich zu erklären.

Frau an einem Übungsgerät im Fitness-Studio (Foto: SWR, SWR -)
Fitness kennt kein Alter SWR -

Die Partizipation von Patienten erleichtern und stärken

So lautet eine weitere Forderung im Aktionsplan Gesundheitskompetenz. Viele Patienten hätten den Wunsch, ihre Therapie mitzugestalten. Genau das sei heute aber noch längst nicht selbstverständlich. So sind Erfahrungen wie die des Krebs-Patienten Albert Maier keine Seltenheit.

Nachdem Albert Maier die Diagnose Prostata-Krebs erhalten hatte, informierte er sich umfassend beim Krebsinformationsdienst und stellte mit Hilfe dieser Informationen einen eigenen Therapieplan auf. Aber in den Kliniken war der informierte und selbstbewusste Patient nicht willkommen: Die zwei Professoren, bei denen er gewesen sei, hätten sich nicht für ihn interessiert, so Maier. Die hätten gesagt, er passe nicht in ihr Schema.

Erst der dritte Arzt, den Maier konsultierte, ließ sich schließlich auf den engagierten Kranken ein. Gemeinsam entwickelten sie seinen Behandlungsplan. Und siehe da: die Operation gelang.

Den Umgang mit Gesundheitsinformationen in den Medien erleichtern

14 Prozent der Bevölkerung sind funktionale Analphabeten, sie können im Grunde Texte gar nicht verarbeiten. Die Zahl derer, die Informationen zu medizinischen Behandlungen nicht verstehen, ist definitiv noch viel höher. Deshalb ist nach Ansicht der Experten des Nationalen Aktionsplans ein einfacherer Zugang zu diesen Informationen dringend erforderlich. Zum Beispiel indem sie als Film aufbereitet würden. Und ganz wichtig: Die persönliche Beratung durch die Ärzte müsse dringend verbessert werden.

Die persönliche Beratung durch die Ärzte ist unzureichend

Häufig fehlt die Zeit für ein persönliches Gespräch. Manche Mediziner wollen sich auch einfach nicht in die Karten gucken lassen. Die Folge: Der Patient versteht nicht, was der Arzt ihm erklärt hat und kann sich nicht merken, wie er ein bestimmtes Medikament einnehmen soll.

Eine Methode um zu überprüfen, was der Patient verstanden hat, ist das teach-back-Verfahren. Es funktioniert so, dass der Patient in seinen eigenen Worten formuliert, was der Arzt ihm gerade erklärt hat. Auch der Arzt kann es anwenden und im Gegenzug das Anliegen des Patienten noch einmal in seinen Worten zusammenfassen. Allerdings ist dieses Verfahren sehr zeitintensiv.

Arztgespräch (Foto: Colourbox, Foto: Colourbox.de -)
Wenn sich Ärzte Zeit für ihre Patienten nehmen, wird das von unserem Gesundheitssystem nicht belohnt. Foto: Colourbox.de -

Jeder Arzt, der lange mit Patienten redet, macht minus

Das deutsche Gesundheitssystem honoriert nicht, wenn Ärzte sich Zeit für ihre Patienten nehmen. Stattdessen gebe es kontraproduktive Anreize, als Arzt Fließbandarbeit und Minuten-Medizin zu betreiben, so Dr. Sebastian Schmidt-Kaehler, Mitglied des Expertenbeirats des Nationalen Aktionsplans. Belohnt würden invasive und diagnostische Maßnahmen. Dagegen sei es schon fast eine Unverschämtheit, was ein Hausarzt für ein Aufklärungsgespräch bekomme. Wenn der Arzt oder die Ärztin mit einem Krebspatienten eine Stunde rede, bekomme er lediglich 7 Euro. Das sei ein Witz, so Schmidt-Kaehler.

Viele Menschen scheitern an umständlichen Formularen ihrer Krankenversicherung

und an einfachen Fragen wie: Wie finde ich den richtigen Arzt? Dr. Sebastian Schmidt-Kaehler, Mitglied des Expertenbeirats im Nationalen Aktionsplan weiß, was Patienten verzweifeln lässt. Er war fünf Jahre Geschäftsführer der unabhängigen Patientenberatung Deutschland. Die meisten Menschen, die dorthin gekommen seien, hätten keine medizinischen Fragen gehabt, sondern Rat und Hilfe gesucht, um Formulare oder Bescheide ihrer Krankenversicherung zu verstehen, so Schmidt-Kaehler.

Armen Menschen hilft Gesundheitskompetenz wenig

In Mainz hat der Arzt Dr. Gerhard Trabert den Verein Armut und Gesundheit gegründet. Seit bald 30 Jahren kümmert sich dort ein Team Ehrenamtlicher um wohnungslose und sozial benachteiligte Menschen.

Trabert erreicht mit seiner Mainzer Initiative die Menschen, die nicht zu einer Patienten-Uni gehen oder im Internet oder Broschüren nach verständlichen Informationen suchen. Er befürchtet, dass die Betreffenden von den guten Ideen des Aktionsplans Gesundheitskompetenz nicht profitieren werden. Ihnen fehle schlicht das Geld dazu. So stünden einer alleinerziehenden Mutter mit einem fünfjährigen Kind pro Tag gerade mal 2,80 Euro zur Verfügung. Das Deutsche Institut für Ernährungswissenschaften beklage schon seit langem, dass diese Summe definitiv nicht ausreiche, um sich gesund zu ernähren.

Was hilft es also die individuelle Kompetenz zu stärken, wenn ich strukturell überhaupt nicht in der Lage bin, mit diesem finanziellen Budget mein Kind gesund zu ernähren?

Mädchen isst Pizza (Foto: © JupiterImages Corporation -)
Gesundes Essen muss man sich auch leisten können © JupiterImages Corporation -

Der Umgang des Gesundheitssystems mit sozial Benachteiligten ist oft entwürdigend

Weitere Defizite des Gesundheitssystems sieht der Mediziner Gerhard Trabert auch im Umgang mit Menschen, die sozial benachteiligt sind. Sozial Benachteiligte beklagten respektlosen Umgang, entwürdigende Besuche bei Krankenkassen, Sozialämtern und Jobcentern. Das führe zu einer ständigen Frustration, so dass dass es den Betroffenen schwerfalle, ihre Rechte einzufordern. Würden diese Menschen dagegen von Sozialarbeiterinnen des Vereines bei ihren Terminen bei der Krankenkasse, beim Sozialamt oder im Jobcenter begleitet, würden sich die entsprechenden Sachbearbeiter vermutlich ganz anders verhalten.

Die Autoren des Nationalen Aktionsplans Gesundheitskompetenz haben Empfehlungen vorgelegt, um die Situation zu verbessern. Aber der Aktionsplan kann keine Gelder für Forschungsvorhaben verteilen, da er über kein Budget verfügt. Insofern ist jetzt die Politik gefordert, den Rahmen für die Umsetzung zu schaffen.

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