Gespräch

Gedenken an die Wannsee-Konferenz – systematische Organisation des Holocaust

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INTERVIEW

„Das Dramatische an der Wannsee-Konferenz von 1942 ist nicht, dass dort die Entscheidung für den Holocaust getroffen worden wäre“, sagt der Historiker Dan Diner zum 80. Jahrestag der Konferenz in SWR2. Vielmehr sei die „Endlösung“, die den Nazis vorschwebte, hier auf ein höheres, organisatorisches Level gehoben worden, so der Historiker und Vorsitzende der Alfred Landecker Foundation in Jerusalem.

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Organisation des millionenfachen Massenmords an den Juden Europas

Es war eine Planungskonferenz, deren Inhalt sich nur schwer in Worte fassen lässt: In einer Villa am Berliner Wannsee planten 1942, mitten im zweiten Weltkrieg, 15 Spitzenbeamte der Nazis unter dem Vorsitz von SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich die Vernichtung aller Juden, die man in Gefangenschaft genommen hatte.

Minutiös planten die Männer logistische Fragen wie den Abtransport und die Verteilung über „Durchgangsghettos“ bis zur Ermordung in den Vernichtungslagern wie Auschwitz-Birkenau.

Reinhard Heydrich ermächtigte sich selbst

Der Architekt der Wannsse-Konferenz Ganzen war Reinhard Heydrich, der Leiter des Reichssicherheitshauptamts. Dieser habe sich mittels dieser Konferenz selbst ermächtigte , für die „Endlösung“ in ganz Europa zuständig zu werden, so Diner.  Und das sei eine Erkenntnis, die vielleicht über das hinausgehe, was man denke, hier seien nur Befehle ausgeführt worden.

Und das, obwohl der Holocaust dem Dritten Reich mehr geschadet als genutzt habe, sagt Dan Diner. „Die Nazis wollten den kollektiven, absoluten Tod aller Juden, die im Einflussbereich der Wehrmacht lebten. Ein Tod, dessen rationale Bedeutung im Sinne der deutschen Kriegsführung nicht erkennbar war; etwas, das man als gegen-rational bezeichnen muss.“

Tafel an der Gedenkstaette „Haus der Wannsee-Konferenz“ Am Grossen Wannsee (2020) (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / Winfried Rothermel )
Tafel an der Gedenkstaette „Haus der Wannsee-Konferenz“ Am Grossen Wannsee (2020) picture alliance / Winfried Rothermel

Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz

Erst 50 Jahre nach der Wannsee-Konferenz, am 19. Januar 1992, eröffnete die „Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz“ in der historischen Villa am Wannsee. Sie ist für Dan Diner nach wie eine der wichtigsten Gedenkstätten überhaupt, da dieser "ikonische Lern- und Gedenkort" die Verbrechen der Täter zeige.

Alfred Landecker Foundation

Die privat finanzierte „Alfred Landecker Foundation“ hat sich zum Ziel gesetzt, das Andenken an die Verfolgten und Opfer des Nationalsozialismus zu fördern, über den Holocaust aufzuklären sowie politisch, rassisch oder religiös Verfolgte zu unterstützen.

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