Zeitgeschichte

„Sehr schöne und sehr traurige Erfahrungen“: Ittai Joseph Tamari war als 16-jähriger Zeuge des Attentat von München 1972

STAND
AUTOR/IN
Eberhard Reuß

München am 5. September 1972: Es war der Tag des Anschlags auf das israelische Olympiateam. Ein Massaker, bei dem palästinensische Terroristen elf Sportler aus Israel und einen deutschen Polizisten getötet haben. Ittai Joseph Tamari war damals als 16-jähriger vor Ort. Zum ersten Mal war er aus Israel nach Deutschland gekommen, um die Olympischen Spiele in München als Zuschauer zu erleben. Zusammen mit seinem Vater, einem Überlebenden der Shoa.

Audio herunterladen (3,3 MB | MP3)

Mit dem Vater erstmals in Deutschland

„Mein Vater wollte so sehr die israelische Fahne sehen“, erinnert sich Ittai Joseph Tamari. Seine Eltern waren Überlebende der Shoa. Mit seinem Vater war Tamari als Zuschauer bei den Olympischen Spielen 1972 zum ersten Mal in Deutschland.

SWR2 Leben München 1972 – Der Sommer, der nie endet

Ittai Joseph Tamari verlässt mit seinem Vater am 5. September 1972 München, als Eberhard mit seinem Vater anreist. Ein Treffen 50 Jahre nach dem Terroranschlag. Von Eberhard Reuß  mehr...

SWR2 Leben SWR2

„Ich kam mit großen Augen nach München“, sagt Tamari, „weil das war für mich etwas war, womit ich gar nicht gerechnet habe: alle miteinander, verschiedene Farben und verschiedene Gemüter. Ich bekam gar nicht genug davon.“  

Schwimmstar Mark Spitz war der Held des Vaters

Es war schwierig, an Karten zu kommen. Aber als am Abend des 4. September der Schwimmstar Mark Spitz seine siebte Goldmedaille gewann, war Joseph Ittai Tamari mit seinem Vater dabei.

„Mark Spitz, das war sein Held, obwohl er Amerikaner war. Aber für meinen Vater war Mark Spitz die Verkörperung des kräftigen, schlagfertigen Juden“, sagt Ittai Joseph Tamari.

Dem Attentat entkommen

Am anderen Morgen in der Lobby ihres Münchner Hotels sieht der Vater von Joseph Ittai Tamari die ersten Fernsehbilder vom Attentat. „Ich glaube, diese Situation hat bei ihm eine Menge ausgelöst, worüber er nie mit mir oder mit sonst jemandem gesprochen hat“, erinnert sich der Sohn.

Dr. Ittai Joseph Tamari, Historiker Heidelberg (Foto: SWR, Eberhard Reuss)
Von seinem ersten Besuch in Deutschland 1972 blieben Ittai Joseph Tamari auch positive Eindrücke. Eberhard Reuss

Als der Anschlag auf das israelische Olympiateam in einem Massaker endet, haben Vater und Sohn Tamari München bereits mit dem Flugzeug verlassen.

„Dass Juden Deutschland als Bleibeort wählen, ist ein Riesenwunder“

Heute leitet Joseph Ittai Tamari in Heidelberg das Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland. „Die Tatsache, dass Juden in Deutschland sich dafür entschieden haben, Deutschland als Bleibeort zu wählen, ist ein Riesenwunder. Und das gilt es zu dokumentieren und für die nächsten Generation bereit zu stellen“, sagt Tamari.

Damals, an seinem ersten Besuch in München im Jahr 1972, erlebte der 16-jährige neben den Schrecken auch eine Menschlichkeit und Gastfreundschaft in Deutschland, die ihn beeindruckte. „Für mich war das ein wunderschönes Erlebnis, eine Mischung aus sehr schönen Erfahrungen und sehr traurigen. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Das eine überschattet nicht das andere.“

Geschichte Die Olympischen Spiele 1972 – Münchens Sommertragödie

München wollte 27 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs ein neues Deutschland präsentieren – heiter und offen. Doch die Terroranschläge machten aus dem Sportfest eine Tragödie.  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

STAND
AUTOR/IN
Eberhard Reuß