Kommentar

Der Hass auf Kim de l'Horizon deckt auf, woran es hapert

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AUTOR/IN
Julian Burmeister

Der Deutsche Buchpreis geht in diesem Jahr an Kim de l'Horizon für den Roman „Blutbuch“. Kim de l'Horizon stellt sich als non-binäre Persönlichkeit dar, sieht sich also weder als Mann noch als Frau. Dazu gibt es viele abfällige Äußerungen bis hin zu Hasskommentaren, besonders in den Sozialen Medien.

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Zynismus, blanker Hass und der Vorwurf purer Selbstinszenierung schlagen Kim de l'Horizon entgegen

Wofür so ein Buchpreis doch gut sein kann. Wie ein großer feuchter Stein, den man im Vorgarten nach Jahren mal wendet und unter dem es von Kellerasseln wimmelt. Wobei diese Tiere ja ein freundlicher Anblick sind im Vergleich zu dem, was zum Thema Buchpreis auf Twitter, Facebook und Co. zu sehen war und ist.

Um nur eine Einlassung auf Twitter zu zitieren: „Der deutsche Buchpreis geht an ens nonbinäre Schweitzy mit Pensi, wie schön, Diversität!“

Gelesen scheint den Roman „Blutbuch“ ohnehin kaum jemand zu haben

Doch Zynismus oder wahlweise blanker Hass ist nur eine beunruhigende Komponente, die sich beobachten lässt. Andere werfen Kim de l’Horizon einfach pure Selbstinszenierung vor und ignorieren bewusst die Themen, für die Kim de l’Horizon einsteht. Gelesen scheint den Roman „Blutbuch“ ohnehin kaum jemand zu haben.

Und dann ist da noch: die pure Unwissenheit. Zahlreiche User, vor allem Männer schrieben etwa unter den SWR2-Facebook-Post zum Thema, dass sie auf dem Foto nur einen biologischen Mann in Frauenkleidern erkennen würden. Und dass nur das Aussehen zähle.

Bemerkenswert die Antwort auf einen dieser Kommentare von einem User, der hier anonym bleiben soll: „Und würden Sie mich sehen, sähen Sie einen biologischen Mann, äußere Geschlechtsorgane, im Anzug, aber ich bin gar keiner.“

Auf die verwirrte Nachfrage kommt die klare Antwort: Nicht jeder und jede, der und die aussieht wie ein Mann, hat auch die richtige Chromosomenzahl, wissenschaftlich betrachtet, oder fühlt sich auch mit dem Begriff Mann beschrieben, emotional betrachtet.

SWR2-Post auf Facebook zu Kim de l'Horizon

Die Reaktionen zeigen: Es fehlt an einfacher Aufklärung und der Offenheit, sich mit dem Thema Gender zu befassen

Und das ist auch das Gute an der ansonsten infamen Hasswelle gegen Kim de l’Horizon: Sie legt offen woran es hapert: An einfacher Aufklärung und der Offenheit, sich mit dem Thema Gender zu befassen, ohne es zuvor gleich zu verfluchen.

Literatur Der Deutsche Buchpreis 2022 geht an Kim de l'Horizon für den Roman „Blutbuch“

Kim de l'Horizon erhält den Deutschen Buchpreis 2022 für den Roman „Blutbuch“.

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Das Feuilleton befasst sich am zweiten Morgen in Folge ausführlich mit Kim de l’horizon, dem mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Debütroman „Blutbuch“ und der Kopfrasur auf offener Bühne. Es kursiert der Verdacht, der Preis sei diesmal für Queerness und Identitätspolitik verliehen worden und so ideologisch aufgeladen gewesen. Dem widersprechen Teile des Feuilletons. Andere wiederum entlarven sich, ihr Unwissen oder ihre Unbeholfenheit, wenn es um nicht-binäre Menschen geht.

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Julian Burmeister