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Der neue Mann im Weißen Haus, Joe Biden, habe eine exzellente Rede gehalten und die Umrahmung durch Show-Stars sei großartig gewesen, findet SWR2-Kommentator Rainer Volk: „Es war als meldete sich das liberale Amerika zurück.“

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Gestern habe ich mich gefragt, ob ich mich an ein Bild von Donald Trump erinnern kann, das ihn nicht verkniffen oder kämpferisch zeigt. Es fiel mir kein einziger solcher Augenblick ein. Trump war personifizierter Ingrimm.

Dass ihm zudem Anstand und Größe fehlten, bewies der Abschied vom Weißen Haus, quasi durch die Hintertür. Sein Vizepräsident Pence dagegen wohnte der Zeremonie auf den Stufen des Kapitols gestern fast heiter bei, war im „small talk“ auch mit politischen Gegnern zu sehen.

Biden sprach einige bittere Wahrheiten an

Es war nicht der einzige Auftritt mit Signalwirkung. Joe Biden mag 78 Jahre alt sein – und oft auch so aussehen. Aber seine Antrittsrede war stark. Von „Einheit“ reden und an den Gemeinsinn appellieren, das gehört zwar zur Rhetorik von US-Präsidenten bei ihren ersten Sätzen nach dem Amtseid.

Biden aber gelang mehr: Er sprach einige bittere Wahrheiten an: Den Zustand des Landes, seine Probleme – vorneweg die Corona-Pandemie und den weißen Rassismus. Und er gab die Zusicherung, er habe verstanden, was das Wahlergebnis bedeute.

Biden hält seine Antrittsrede - Video:

Hoffnung, dass ein „Wir-fangen-wieder-von-vorn-an“ auch unter Biden gelingt

Vor allem zeigte diese Amtseinführung erneut, was Vereinigten Staaten so stark macht: Ihre Fähigkeit, sich immer wieder neu zu erfinden. Wer die Bilder aus Washington verfolgte, konnte Hoffnung schöpfen, dass ein „Wir-fangen-wieder-von-vorn-an“ auch unter Biden gelingt.

Zwar fehlte die sonst übliche Menschenmasse auf der Mall, die Hygiene-Abstände waren einzuhalten, Mund-Nasen-Bedeckungen allgegenwärtig. Und trotzdem – es war ein Hochamt der Demokratie! Mein ikonisches Highlight war die goldene Friedenstaube auf dem Mantel von Lady Gaga. Sie wird – wetten, dass? - in die Geschichte des Landes eingehen. Der Auftritt der Sängerin war ein gut überlegtes Gesamtkunstwerk, vom leuchtend-roten Rock über den blonden Dutt bis zum letzten Akkord, der die National-Hymne als Blues verklingen ließ.

Amanda Gorman (Foto: Imago,  imago images/UPI Photo)
Die 22-jährige Dichterin Amanda Gorman liest ihr Gedicht bei der Amtseinführung von Joe Biden zum US-Präsidenten Imago imago images/UPI Photo

Oder der frische Auftritt der afro-amerikanischen Mädchen-Dichterin, die ihre Hoffnungen für das Land selbst-gereimt vortrug. Das alles wäre vor vier Jahren bei Trump undenkbar gewesen. Oder glaubt jemand, Jennifer Lopez hätte beim Möchtegern-Bauherrn einer Mauer zu Mexiko im Lied ein paar Worte in Spanisch improvisiert?

Lächeln in der Politik überwindet Gräben

Es war, als meldete sich am 20. Januar 2021 das liberale Amerika zurück. Dazu gehörte auch, dass dieses alles mit einigen Scherzen aufgelockert wurde. Lächeln in der Politik tut gut, weil es Gräben überwindet und zeigt: rhetorisch mag die Lage als hoffnungslos dargestellt werden - insgesamt aber ist sie nicht wirklich ernst. Man wünschte sich, es ginge so weiter – und ahnt: Das ist nur ein Traum. Nicht nur, weil der Wüterich bereits gedroht hat, er werde zurückkommen.

Aber die Symbolik, die von den Feierlichkeiten in Washington in alle Welt ausging, lässt hoffen: Es geht mit diesem großartigen Land bald wirklich wieder aufwärts.

Neuer US-Präsident Präsident Biden hat sein Amt angetreten - Rückkehr zum Pariser Klimaschutzabkommen

Joe Biden hat sein Amt als 46. Präsident der Vereinigten Staaten angetreten. Kurz nach seinem Einzug ins Weiße Haus unterzeichnete er erste Anordnungen und leitete unter anderem die Rückkehr der USA zum Pariser Klimaschutzabkommen ein. Außerdem stieß er Reformen im Einwanderungs- und Einreiserecht an.  mehr...

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