Zeitzeugen erinnern sich

Deportation aus Kaiserslautern

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22. Oktober 1940: In Baden, der Pfalz und dem Saarland werden 6500 Juden verhaftet und in das 1939 für Flüchtlinge der Spanischen Bürgerkriegs errichtete Internierungslager Gurs am Rande der Pyrenäen deportiert. Für viele von ihnen ist dieser Ort nur eine Zwischenstation in die Vernichtungslager des Ostens.


Die Deportation der pfälzischen Juden nach Gurs im Oktober 1940 bedeutete gleichsam das Ende der jüdischen Gemeinden in den Städten und Dörfern der Pfalz. Von den 6.487 jüdische Einwohnern der Pfalz im Jahr 1933 verließen viele auf Grund von Entrechtung und Verfolgung in den Jahren danach die Pfalz, emigrierten ins Ausland oder flüchteten in größere Städte wie Mannheim, Karlsruhe und Frankfurt.

Am frühen Morgen des 22. Oktober 1940 wurden in Kaiserslautern 45 Personen zur "Löwenburg" am Bahnhof gebracht, wo sie auf ihren Abtransport warten mussten. Sie durften nur das Nötigste mitnehmen: einen Koffer, eine Wolldecke, etwas Verpflegung, Ess- und Trinkgeschirr und bis zu 100 Reichsmark Bargeld.

Der Tag der Deportation

Die 1931 in Kaiserslautern geborene und heute in der Schweiz lebende Margot Wicki-Schwarzschild hat den Tag der Deportation bis heute nicht vergessen: "Eines sehr frühen Morgens, bei Nacht und Nebel, wurden wir jäh aus dem Schlaf gerissen: Stiefelgetrampel und lautes Klopfen an der Wohnungstür. Ich sah meine Eltern zu Tode erschrecken. Nun schien es so weit zu sein ... In der Tür standen Gestapo-Leute in Zivil. In barschem Ton forderten sie uns auf, das Wichtigste zu packen, pro Person war ein Koffer erlaubt. Wir hätten das 'Reichsgebiet' zu verlassen. In einer Stunde müssten wir bereit sein. Ich sah meinen Vater zittern, meine Mutter weinen. Ich spürte: Die Lage war ernster denn je, da gab es nichts mehr zu lachen. Meine Schwester, sonst eher ernst und nachdenklich, schien die Situation blitzartig zu erfassen.

Ich weiß nicht mehr, ob es ihre Idee war, jedenfalls zogen wir Kinder alles 'doppelt' an, Wäsche, Strümpfe, Kleider. Sie stellte dann einen kürzlich von unserer Großmutter aus Bayern erhaltenen Schmalz-Topf samt anderen Lebensmitteln sowie unser Nähzeug in einen Einkaufskorb und kippte eine Schachtel mit Fotos, an denen sie besonders hing, in ihre Schultasche. Diese Fotos sind uns bis zum heutigen Tag erhalten geblieben. Eine Aufnahme war darunter, die später den Ausschlag geben sollte, dass uns das Leben gerettet wurde: ein Kommunionbild unserer Mutter. In der Eile und allgemeinen Aufregung hatten unsere Eltern nämlich sämtliche Dokumente im Sekretär vergessen. Die Hektik und Ratlosigkeit beim Packen ist mir noch gut in Erinnerung. Ich hatte meine Eltern noch kaum so fassungslos gesehen. Ihre Vorahnungen von einer allfälligen Verschleppung der Juden, die sich gerüchteweise herumgesprochen hatte, schienen hier und jetzt Wirklichkeit zu werden.

Keiner wird verschont

So standen wir Hausbewohner des "Judenhauses" in der Steinstraße 30, zusammen mit unserer fast 80-jährigen Großmutter, eine Stunde später übernächtigt und blass, bereit zum Abtransport. In der Nacht vorher hatten wir noch einige Zeit wegen Fliegeralarm im Keller zugebracht. Rechtlos und wehrlos wurden wir mit einem Autobus in eine Wirtschaft am Rande der Stadt, der 'Löwenburg', gefahren. Viele andere Juden aus der Region saßen bereits trostlos herum, ständig wurden neue herangeschleppt. Es kamen Kleinkinder, Kinder, Erwachsene, alte und kranke Menschen. Zwei Großtanten meines Vaters aus Gaugrehweiler, klein und gebrechlich, wurden von Sanitätern auf den Armen hereingetragen, weil sie gehbehindert waren. Sie haben den Transport nicht überstanden. Wir wissen nichts über ihren Verbleib. Jedenfalls kamen sie nie in Gurs an.


Der Tag in der Löwenburg wollte nicht vergehen. Ratlosigkeit, Angst, Fassungslosigkeit, Ohnmacht, Empörung - alle Facetten der Gefühlsbewegungen standen den Menschen ins Gesicht geschrieben. Niemand wusste, wohin es ging, niemand wurde informiert. Erst als den Leuten das Bargeld abgenommen und ein bestimmter Betrag in französischer Währung ausgehändigt wurde, sickerte es durch: Sie werden uns nach Frankreich schicken. Später stellten wir uns immer wieder die Frage, wieso denn niemand abgehauen ist, wieso sich alle wie eine Herde Vieh zusammentreiben und verschleppen ließen? - Aber wir wurden alle strengstens bewacht. Dann hätten die Flüchtenden auch kaum gewusst, wohin ... Die Judenfeindlichkeit war so weit fortgeschritten, dass sich schwerlich jemand gefunden hätte, der das Risiko auf sich genommen hätte, Juden über längere Zeit zu verstecken. So warteten alle stoisch. Wir wurden dann am späten Abend auf den Güterbahnhof getrieben, durch eine Unterführung, in der die Hitlerjugend der ganzen Stadt Spalier stand, uns verhöhnte, beschimpfte und anspuckte. Wir kamen uns wie der Abschaum der Menschheit vor. Es war - wie meine Schwester später sagte - unser "Auszug aus Ägypten".

Aus der ganzen Pfalz selbst wurden 824 Personen deportiert. Die meisten kamen aus Ludwigshafen (183), Speyer (51), Mutterstadt (50), Frankenthal (39) und Landau (35). Aus Kaiserslautern wurden 45 Personen deportiert. Ältester war der 85-jährige Medizinalrat Dr. Moritz Kühn, der im Benzinoring 4 wohnte. Die Jüngsten waren die einjährige Ruth Herze, die - wie die Familie Schwarzschild - zuletzt mit ihren Eltern und Geschwistern in der Steinstraße 30 wohnte und der dreijährige Hans Schlachter, der mit seinen Eltern und Geschwistern im "Judenhaus" in der Gaustraße 3 wohnte.

Abtransport

Mindestens 600 weitere Pfälzer, darunter auch viele weitere Lauterer, wurden aus badischen Städten (vor allem Mannheim und Karlsruhe), wo sie Zuflucht gesucht hatten, nach Gurs verschleppt. Mehrere Tage und Nächte waren die Züge unterwegs, bis sie im südfranzösischen Oloron-Sainte-Marie ankamen. Von dort ging es mit Lastwagen nach Gurs. Das Lager war zu Beginn des Jahres 1939 für Flüchtlinge des Spanischen Bürgerkrieges angelegt worden. Mit dem Einmarsch der deutschen Truppen im Frühjahr 1940 hatte die französische Regierung dort zusätzlich mehrere Tausend nach Frankreich emigrierte deutsche und österreichische Juden interniert, die als "feindliche Ausländer" angesehen wurden.

Ankunft in Gurs

Über Ankunft und Unterbringung in Gurs schrieb die mit ihrem Mann Simon aus dem westpfälzischen Brücken verschleppte Hilda Straaß am 6. Dezember 1940 an eine befreundete katholische Familie in ihrer Heimat: „Wir sind nach einer langen Irrfahrt von 4 Tagen und Nächten hier gelandet…Ich kann bis heute noch gar nicht recht denken. Wenn Sie mich sehen würden, ich bin nicht mehr der halbe Mensch, habe sehr abgenommen und meine Haare sind etwas grau geworden. In unserer Baraque sind 50 Personen, Frauen und Kinder… Wir sind hier interniert und leben hinter Stacheldraht…Wie würde ich Gott danken, wenn ich meine 0berbetten und Kissen da hätte. Wir liegen auf Strohsäcken auf dem Boden und die Decken geben nicht warm. Wir haben weder Tisch noch Stuhl und auch keine Fenster, nur Luken und wenn wir dieselben öffnen haben wir Licht. Einen 0fen haben wir, aber sehr wenig Holz zum heizen…Wir haben dauernd Hunger und frieren auch sehr...“

Das große Sterben im Winter 1940/41

Nicht nur die Verpflegung war katastrophal, auch die Hygiene war völlig unzureichend. Viele Menschen starben in den ersten Tagen und Wochen nach ihrer Ankunft in Gurs, auf dem Lagerfriedhof finden sich die Gräber von etwa 1100 deportierten deutschen Juden. Einigen gelang es nach Übersee auszuwandern oder versteckt in Südfrankreich zu leben. Viele Kinder konnten dank des Einsatzes französischer, amerikanischer und schweizerischer Organisationen gerettet werden. 

Nachdem die nationalsozialistische Regierung Anfang 1942 die "Endlösung" beschlossen hatte, wurden ab Sommer 1942 auch die meisten Internierten in Gurs und der anderen Lager in Vichyfrankreich über das Zwischenlager Drancy bei Paris nach Auschwitz verschleppt. Nur wenige kehrten nach Kriegsende wieder nach Kaiserslautern zurück. An den seelischen und körperlichen Schäden litten und leiden sie zeitlebens.

Von Roland Paul
Institut für Pfälzische Geschichte und Volkskunde //

 

Die nach Gurs deportierten Frauen, Männer und Kinder aus Kaiserslautern:

Flora Bender
Salomon Willi Bender
Ida Blum, geb. Haas
Rosalie Fröhlich
Hedwig Geismann, geb. Jacob
Paula Rosalia Gutmann, geb. Simon
August Adolf und Clara Hanau, geb. Roos
Ernst Heimann
Emil und Elsa Hene, geb. Feibelmann
Hugo und Johanna Herze, geb. Jacob
Jakob, Lydia (geb. Horn), Hedwig, Hannelore und Ruth Herze
Bernhard und Elsa Kohlmann, geb. Günzburger
Golda Malka, genannt Malchen Krämer, geb. Auerbach
Marie Therese Kühn
Dr. Moritz Kühn
Hermine Lacher, geb. Wyler
Amalie Moses, geb. Wälder
Sidonie Moses
Alexander und Betty Preis, geb. Dreifuss
Leopold und Karoline Roelen, geb. Straß
Jakob, Katharina (geb. Hauck), Klaus, Doris und Hans Schlachter
Olga Schwarz
Sara, genannt Settchen Schwarzschild, geb. Wälder
Richard, Aloisia Luise (geb. Keim), Hannelore und Margot Schwarzschild
Gustav Simon
Adolf und Regina Stern, geb. Strauß 
Klara Strass, geb. Mann
Berta Werle, geb. Grünewald

 

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