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SWR2 Wissen: Aula

Sich auf andere verlassen können: Vertrauen ist ein Grundpfeiler des sozialen Miteinanders. Der Philosoph Wilhelm Schmid über die Frage, was Vertrauen ist und weshalb es früher leichter war, Vertrauen aufzubauen.

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Der Vortrag von Wilhelm Schmid auf einen Blick:

Die Frage des Vertrauens berührt alle Bereiche des Lebens. Wie eine Welt ohne jedes Vertrauen aussähe, ist schon zu ahnen. Ich könnte keinen Bus, keinen Zug, kein Flugzeug mehr besteigen, denn ich müsste befürchten, nicht mehr zuverlässig ans Ziel gebracht zu werden.

Was ist Vertrauen? Mich auf Andere, auf Dinge und Verhältnisse verlassen zu können. Darauf hoffen zu dürfen, dass mir und vertrauten Anderen nichts Schlimmes widerfährt, wenn aber doch, dass es gut zu bewältigen ist.

Vertrauen entsteht

  • durch den Vorgang der Widerspiegelung, wenn Menschen in sich das Vertrauen widerspiegeln, das sie bei Anderen wahrnehmen;
  • sodann kommt es auf den Weg der Erfahrung an. Ist mir nichts Schlimmes widerfahren, ist meine Zuversicht groß, dass dies auch weiterhin so bleiben wird;
  • zusätzlich oder ersatzweise zu diesen beiden Arten der Entstehung von Vertrauen kann ein Prozess der Prüfung in Gang gesetzt werden;
  • der Sprung ins Vertrauen: "Jetzt vertraue ich einfach mal!". Viele Beziehungen werden so begründet. 

Vertrauen wächst und gedeiht auf dem Boden sorgsam behandelter Beziehungen, die ihre Tragfähigkeit im Laufe der Zeit unter Beweis stellen. Es braucht Geduld und Ausdauer, dass man miteinander vertraut werden kann.

Das ist allerdings ein Element, das von der Grundstruktur der Moderne gerade nicht begünstigt wird.

Hektik, Langzeitbelichtung (Foto: Colourbox, Foto: Colourbox.de -)
Foto: Colourbox.de -

Sie will von alten Geschichten nichts wissen, es zählt nur das Neue und Neueste, das aber zwangläufig unbekannt und somit beunruhigend ist.

Alle Versuche, Vertrauen zu schaffen, finden an den Eigenheiten dieser Zeit ihre Grenzen. Vertrauen wird zur knapper werdenden gesellschaftlichen Ressource.

Das moderne Problem mangelnder Vertrauensbasis gräbt sich tief in das Individuum ein und wird in ihm selbst am stärksten erfahrbar. Die misstrauische Selbstüberwachung, die im Laufe der abendländischen Kulturgeschichte erlernt worden ist und in der Selbstoptimierung neu auflebt, verstärkt diesen Effekt noch.

Eine Identität, ein Sich-selbst-gleich-Bleiben, wie es unter vormodernen Bedingungen noch ohne Weiteres möglich war, wird in der modernen Zeit des Immerneuen von Grund auf unmöglich.

Das aber hat zur Folge, nicht mehr so recht zu wissen, wer oder was das eigene Selbst ist, also auch auf sich selbst nicht mehr vertrauen zu können. Vertrauensvolle Beziehungen zu Anderen kommen auf diesem wankenden Grund nicht mehr zustande.

Der Ansatzpunkt zu einer Stärkung des Vertrauens auf dem Weg in eine veränderte Moderne ist jedoch ebenfalls beim eigenen Ich zu finden.

Bei aller Bereitschaft zu Veränderungen kann ich Punkte meiner Beharrung definieren. So wird anstelle der verlorenen Identität eine verlässliche Integrität möglich. Selbstvertrauen entsteht.

Mit wachsendem Selbstvertrauen wächst die Fähigkeit, Anderen zu vertrauen und deren Vertrauen zu gewinnen.

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