Gespräch während einer Therapiesitzung: Eine verzweifelte Frau sitzt ihrem Therapeuten gegenüber. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)

Kommunikation wirkt

Das Gespräch als Basis des Heilens

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SWR2 Wissen: Aula. Von Giovanni Maio (Online: Susanne Paluch)

SWR2 Wissen: Aula

Der Arztberuf sollte endlich befreit werden von ökonomischen Zwängen. Eine radikale Rückbesinnung auf nicht-materielle Werte der ärztlichen Heilkunst tut Not. Z.B. das Gespräch zwischen Ärztin und Patient als wichtiger Baustein der Diagnose und erst recht der Therapie. Warum das so ist, erläutert der Medizinethiker der Universität Freiburg, Professor Giovanni Maio.

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Die Aula von Giovanni Maio auf einen Blick:

Fünf Merkmale eines gelungenen Gesprächs mit dem Patienten: 

Das Gespräch verfehlt seinen Sinn, wenn es nach einem vorgefassten Plan festgezurrt und strikt durchgezogen wird. Das Gespräch ist nämlich nur dort möglich, wo es sich als eine Antwort einstellen kann.

Das gilt für die Medizin in besonderer Weise. Die Situation der Heilberufe ist eine Situation des Angesprochen-Seins, und das, was der Arzt sagt und tut, ist nicht etwa der Anfang, sondern es ist immer schon die Antwort.

In Anlehnung an Bernhard Waldenfels lässt sich sagen, dass die Arbeit der Heilberufe grundsätzlich eine responsive Arbeit ist; sie besteht in der Kunst des richtigen Antwortens. 

Das Gespräch ist ein Wagnis; man weiß nicht, wie man aus dem Gespräch herauskommen wird, aber wenn es ein echtes Gespräch war, dann kommt man anders heraus, als man hineingegangen ist.

Daraus lässt sich für die Medizin schlussfolgern, dass echte Gespräche mit Patienten sich nur auf der Grundlage einer behutsamen Herangehensweise ereignen können, eine Behutsamkeit, durch die man das Gespräch weniger führt und lenkt, sondern dem Gespräch selbst die notwendige Freiheit lässt.

Zwei Ärzte begutachten eine Mammographie-Aufnahme an einer Leuchttafel (Foto: SWR, SWR -)
Wenn man in der Medizin meint, allein angesichts des objektivierbaren Befundes schon wissen zu können, was für den Patienten gut ist, dann spricht man eben nicht mehr mit dem Patienten, sondern man unterrichtet nur noch, man doziert Vorgefertigtes, ohne den Patienten wirklich zur Sprache bringen zu lassen. (Giovanni Maio) SWR -

Das Gespräch beginnt dort, wo eine Begegnung auf Augenhöhe stattfindet, wo der Autoritätsanspruch des Sprechenden abgelegt wird und eine Stimmung der Gegenseitigkeit gestiftet wird.

Die Medizin lebt von objektiven Befunden, ohne die eine Diagnose schwer zu stellen ist. Aber die Medizin geht nicht in den objektiven Befunden auf, weil sie nicht den Befund zu behandeln hat, sondern den Menschen in seiner Verbindung aus physischer Bedingtheit und Personalität.

Genau hier ist der zentrale Gehalt des Gesprächs auszumachen. Denn das Gespräch ist es, das die Vielschichtigkeit der Person aufrechterhält.

Das Gespräch verpflichtet, und genau daraus resultiert auch seine heilende Wirkung. Durch seinen verpflichtenden Charakter kann es zu einer angstlösenden Erfahrung kommen. Das Gespräch kann zu etwas Tragendem werden, weil sich in dem Angesprochen-Werden ein Versprechen artikuliert, auf das man baut.

Das komplette Manuskript finden Sie hier.

Portrait von Prof. Giovanni Maio (Foto: SWR, SWR - Alexander Kluge)
Der Medizinethiker Professor Giovanni Maio SWR - Alexander Kluge
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