Saul Friedländer Forschung und Empathie schließen sich nicht aus

Saul Friedländer Forschung und Empathie schließen sich nicht aus

Saul Friedländer (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture-alliance / Reportdienste - Foto: Arne Dedert)
Saul Friedländers Beispiel zeigt: Gedächtnis muss keine Gnade sein. „Ich wurde zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt – vier Monate vor Hitlers Machtergreifung – in Prag geboren“, lautet der erste Satz seiner Jugendmemoiren „Wenn die Erinnerung kommt“.Sein Buch erregte 1978 viel Aufsehen, denn da sezierte ein Historiker seine Verletzungen als Zeitzeuge und Opfer. Die Zeit bis 1945, das eigene Überleben halten den heute 86jährigen in ihrem Bann: „Die anderen sind tot – und Du bist zufällig am Leben. Das hat ja viele Interpretationen schon gegeben. Es ist wahr: Es war die prägende Zeit.“ picture-alliance / Reportdienste - Foto: Arne Dedert
Die Verletzungen seiner Psyche überdeckt Saul Friedländer gerne mit leiser Ironie. Er wurde als Pavel in eine assimilierte deutschsprechende Familie in in Prag hineingeboren, musste sich in einem französischen Internat als „Paul-Henri“ verstecken, später wurde er zum international respektierten Saul. „Odyssee“ umschreibt die Abfolge von Flucht, Tod der Eltern in Auschwitz, Kibbuz-Dasein im entstehenden Israel und Aufstieg zum Professor für Geschichte in Genf, Jerusalem und Los Angeles. Zunehmend wurde nun die Shoah Friedländers Forscherthema. Auf dem Bild: Saul Friedländer im Oktober 2007 in der Frankfurter Paulskirche anlässlich der Auszeichnung mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. picture-alliance / Reportdienste - Foto: Arne Dedert
Gleich die erste Studie zur Politik Papst Pius XII. gegenüber dem Dritten Reich war nicht wohlgelitten in jenen Kreisen, die sich zugute hielten, ihn gerettet zu haben: „Ich war selbst ja in einem katholischen Internat – oder einer solchen Schule – für ein paar Jahre in Frankreich versteckt. Und das hat man mir schon bitter vorgeworfen, als ich 1964 über Papst Pius XII. schrieb.“ picture-alliance / Reportdienste - Foto: Boris Roessler
Auch im Mainstream der deutschen Historiker betrachtete man Friedländers Perspektive auf den Holocaust lange skeptisch. Im Land der Täter plädierten Männer wie Martin Broszat dafür, den Judenmord durch Objektivität zu historisieren. Hans Mommsen, Götz Aly und andere interpretierten die Vernichtung des Judentums als bloßes Mittel einer Massen-Umgarnungsstrategie der Nazis. Friedländer fuhr ihnen allen energisch in die Parade. „Man muss eine globale Geschichte der Ereignisse schreiben, wo alle Stimmen hineinkommen: Einzelne wie Gruppen und so weiter, selbstverständlich die Opfer mehr als alle anderen.“Auf dem Bild: Saul Friedländer 2007, zusammen mit dem dem damaligen Vorsitzenden des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, Gottfried Honnefelder und dem damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler vor der Frankfurter Paulskirche. picture-alliance / Reportdienste - Foto: Steffen_Kugler_/_Federal_Press_O
Gesagt war leichter als getan. 16 Jahre brauchte Friedländer, bis er sein selbstgestecktes Ziel erreichte hatte: Das zweibändige Werk „Das Dritte Reich und die Juden“ war und ist bis heute ein Meilenstein: Es verschmolz die Täter- mit der Opferperspektive der Judenvernichtung und lieferte den Beweis: Forschung und Empathie schließen sich nicht aus. Im Gegenteil, sie ergänzen sich, weil sie den Blick auf das Geschehene vertiefen. picture-alliance / Reportdienste - Foto: Anke Fleig / SVEN SIMON
Die ästhetisch-ansprechende Form seiner Arbeit liegt Friedländer sehr am Herzen – er ist ein Feingeist mit umfassenden literarischen Interessen. Deshalb erschien vor gut fünf Jahren auch ein Buch von ihm über Franz Kafka.Seine Eleganz und Eloquenz sind jedoch nicht zu verwechseln mit Schönrednerei. Friedländer analysiert unerbittlich scharf, er ist ein genauer Beobachter – und alles andere als ein Geschichtsoptimist. Man darf gespannt sein, was er jenen im Plenarsaal des Bundestags zu sagen hat, die die Jahre der Hitler-Diktatur zum „Vogelschiss“ in der deutschen Geschichte halten. picture-alliance / Reportdienste - Foto: Antje Weser
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