Sommerserie

Umbenennung der Wissmannstraße in Neukölln: Ein Zeichen gegen die koloniale Vergangenheit

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AUTOR/IN
Christian Batzlen

Viele Berliner Straßenschilder erinnern an die koloniale Vergangenheit. Aktivist*innen versuchen seit Jahren, dies zu ändern. Im April 2021 wurden nun in Berlin-Neukölln die Schilder der Wissmannstraße abgehängt, die nun „Lucy-Lameck-Straße“ heißt, in Erinnerung an die erste Frau im tansanischen Regierungskabinett, die sich auch für die Verbesserung der Position von Frauen einsetzte. Tansania war Teil des Gebiets Deutsch-Ostafrika. Die Aktion lief allerdings nicht ohne Gegenwind ab.

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Wissmann war für den Tod von 300.000 Menschen mitverantwortlich

Mit Kunsttrauermärschen erinnerte die tansanische Community zwischen 2005 und 2007 an den 100. Jahrestag des Maji-Maji-Aufstands im früheren Deutsch-Ostafrika. Der Aufstand war von den wilhelminischen Kolonialherrschern brutal niedergeschlagen worden, innerhalb von zwei Jahren unterdrückten sie die Widerstandsbewegung, 300.000 Menschen starben.

Mitverantwortlich war der damalige Gouverneur von Deutsch-Ostafrika Hermann von Wissmann. Nach ihm war im Berliner Stadtteil Neukölln eine Straße benannt. Gegen eine Umbenennung gab es zunächst Widerstand — die FDP versuchte, sie zu stoppen. Auch eine CDU-Bezirkspolitikerin klagte dagegen, die Klage wurde aber abgewiesen. Heute heißt die Wissmann-Straße Lucy-Lameck-Straße.

Schon Ende 2020 beschlossen, jetzt umgesetzt: Die Wissmannstraße in Berlin-Neukölln ist seit Freitag offiziell umbenannt. An der Umbenennung nahmen Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) sowie der Botschafter Tansanias, Abdallah Saleh Possi, teil.

Lucy-Lameck-Straße: Symbol des weltoffenen Bezirks Neukölln

Lucy Lameck war die erste Frau im tansanischen Regierungskabinett und unter anderem stellvertretende Ministerin für Kommunalentwicklung und Gesundheit und setzte sich für die Verbesserung der Position von Frauen ein. Als am 23. April 2021 aus der Wissmann-Straße die Lucy-Lameck-Straße wurde, war auch der Botschafter von Tansania vor Ort.

Der Bezirksbürgermeister wünschte sich, dass der neue Name nicht nur eine Adresse werde, sondern zu einem Statement und einem Bekenntnis in seinem Bezirk. Ein Bezirk mit Menschen aus über 150 Nationen, der mit dieser Umbenennung gezeigt habe, dass er wie kaum ein anderer Ort der Republik für Vielfalt und Weltoffenheit steht.

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