Forum

Beispiellos oder vergleichbar? – Der Streit um das Holocaust-Gedenken

STAND

Gregor Papsch diskutiert mit
Prof. Dr. Norbert Frei, Historiker, Universität Jena
Prof. Dr. Sybille Steinbacher, Historikerin, Universität Frankfurt a.M. und Direktorin des Fritz Bauer Instituts
Prof. Dr. Jürgen Zimmerer, Historiker, Universität Hamburg und Leiter der „Forschungsstelle Hamburgs (post-)koloniales Erbe"

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Vor 80 Jahren trafen sich in einer Villa in Berlin führende Nazis zu einer Besprechung, die als Wannsee-Konferenz in die Geschichte eingegangen ist. Thema war der millionenfache Mord an den europäischen Juden, der Holocaust. In diesen Tagen wird daran erinnert.

Doch wie genau diese Erinnerung aussehen soll, darüber ist ein Streit entbrannt unter Historikerinnen und Historikern. Im Kern geht es um die Frage: war der Holocaust ein Menschheitsverbrechen ohne Beispiel, oder sollte eine globale Gesellschaft ihn in globalen Kontexten sehen? Ist die Shoah also: vergleichbar mit anderen Genoziden, etwa den Völkermorden der Kolonialzeit, gibt es gar Verbindungslinien?

Aber was hieße das für die deutsche Erinnerungskultur? Wie sollen wir an den größten organisierten Massenmord der Menschheitsgeschichte erinnern?

Zitate aus der Sendung:

„Wir brauchen eine Erweiterung der Erinnerungskultur. Man kann die Singularität der Shoah herausstellen und trotzdem sagen: es gibt Vorläufer auch im Kolonialismus.“

„Hinter der Behauptung vom angeblichen Tabu des Vergleichs steht das Interesse, die Besonderheit des Holocaust im Verhältnis zu anderen Verbrechen des 20. Jahrhunderts einzuebnen.“



Bücher zur Sendung:

Saul Friedländer, Norbert Frei, Sybille Steinbacher, Dan Diner, Ein Verbrechen ohne Namen. Anmerkungen zum neuen Streit über den Holocaust, Verlag C.H. Beck, 2022 EUR 12,00, VÖ 26.1.2022

Jürgen Zimmerer, Von Windhuk nach Auschwitz? Beiträge zum Verhältnis von Kolonialismus und Holocaust, LIT Verlag, Münster 2011, EUR 34,90

Perspektiven auf die Shoah und ihr Erbe

Diskussion Antisemitismusverdacht – Streit um Achille Mbembe

Es diskutieren:
Prof. Dr. Dr. h.c. Aleida Assmann, Kulturwissenschaftlerin, Universität Konstanz
Prof. Dr. Claus Leggewie, Politikwissenschaftler, Universität Gießen
Prof. Dr. Michael Wolffsohn, Historiker und Publizist, München
Moderation: Marie-Christine Werner  mehr...

SWR2 Forum SWR2

Gespräch „Deutungskämpfe“ um die Geschichte beim 53. Deutschen Historikertag

„Deutungskämpfe“ will der 53. Deutsche Historikertag in München behandeln, mit Blick auf die Kontroversen um geschichtlich vermittelte Meinungsbilder und neue Geschichtsmythen. Wobei solche „Deutungskämpfe“ niemals darauf hinauslaufen dürften, die Grundlagen historisch gesicherter Informationen in Frage zu stellen, so der Sprecher der Veranstaltung, der Münchner Althistoriker Martin Zimmermann, in SWR2.
Relativierende Fragen, beispielsweise bezogen auf den Holocaust, „sind die Dimensionen jemals richtig beurteilt worden, ist es vielleicht doch alles nicht so schlimm gewesen – das geht einfach nicht“, so der Historiker. Auch an der Verpflichtung, die Erinnerungskultur zur Zeit des Nationalsozialismus aufrechtzuerhalten, könne es keinen Zweifel geben. Allerdings müsse geschichtliche Forschung das Bewusstsein für die Komplexität ihrer Rekonstruktionen schärfen, könne geschichtliche Wahrheit immer nur eine möglichst große Verdichtung von Plausibilitäten sein.
Auch gegenwärtige Debatten zum kulturellen Erbe sollen auf dem Historikertag diskutiert werden, beispielsweise die Rückgabe von Raubkunst. Hier, so Zimmermann, gehe es darum, nicht einfach um grundsätzliche Fragen zu streiten, „Rückgabe, ja oder nein“, sondern „neue Formen der Aufarbeitung, der Diskussion und vor allem der Kooperation mit den Herkunftsländern zu entwickeln.“  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Kulturmedienschau Ein neuer Historikerstreit? | 25.6.2021

Britney Spears, Über-Popstar der 90er, lebt seit 13 Jahren unter Vormundschaft und hat jetzt einen Aufschrei in die Welt geschickt: Sie will sich endlich ihr Leben zurückholen. Das ist ein Thema heute auf den Kulturseiten der Zeitungen und im Netz. Und es geht um einen neuen Streit über die Singularität des Holocaust.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Gesellschaft Nahostkonflikt in der Popkultur: Antisemitismus auf Instagram und TikTok

Schon während der Eskalation des Nahostkonflikts im Mai ließ sich dieses Phänomen eindrücklich beobachten, ein auf Israel bezogener Antisemitismus als Teil einer digitalen Popkultur auf Instagram und TikTok. Durch eine stärkere Politisierung des Mainstreams verspüren viele, sich positionieren zu müssen und teilten ohne hinreichende Kenntnis über den Nahostkonflikt Inhalte, die oftmals antisemitische Narrative bedienten, wie eine Studie der Amadeu-Antonio-Stiftung nun zeigt. Christian Batzlen hat mit den Autoren der Studie dort hingeschaut, wo jungen Menschen fast schon spielerisch antisemitische Argumentationen erlernen und diese meist unbemerkt weitertragen  mehr...

SWR2 Kultur aktuell SWR2

Zeitgenossen Gunter Demnig: „Stolpersteine sind eine Verneigung vor den Opfern“

Gunter Demnig arbeitet seit etwa einem halben Jahrhundert als Künstler, doch bekannt ist er nur für ein einziges Werk: Die „Stolpersteine“ zur Erinnerung an NS-Opfer in Europa, das wohl größte dezentrale Mahnmal der Welt.  mehr...

SWR2 Zeitgenossen SWR2

Forum Im Schatten der Shoah – Wie lässt sich modernes Judentum vermitteln?

1700 Jahre jüdisches Leben wurden dieses Jahr in Deutschland gefeiert. Kann ein Jubiläum jüdische Kultur verständlich vermitteln?  mehr...

SWR2 Forum SWR2

Jerusalem

Leben Zwischen Trauma und Politisierung - Das Holocaustgedenken in Israel

Yad Vashem in Israel ist die weltweit bedeutendste Holocaust-Gedenkstätte und gilt als moralischer Kompass.  mehr...

SWR2 Leben SWR2

Zeitgeschichte Holocaust in der Ukraine – Ringen um die Erinnerungskultur

Während des Kommunismus wurde die Erinnerung an den Holocaust in der Ukraine unterdrückt oder verfälscht. Der Kampf gegen die historische Amnesie hat in dem Land gerade erst begonnen.  mehr...

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Der Holocaust in der Geschichtsschreibung

Gespräch Gedenken an die Wannsee-Konferenz – systematische Organisation des Holocaust

Es war eine Planungskonferenz, deren Inhalt sich heute nur schwer in Worte fassen lässt: In einer Villa am Berliner Wannsee planten 1942, mitten im zweiten Weltkrieg, 15 Spitzenbeamte der Nazis die Vernichtung aller Juden, die man in Gefangenschaft genommen hatte. Minutiös planten die Männer logistische Fragen wie den Abtransport und die Verteilung über „Durchgangsghettos“ bis zur Ermordung in den Vernichtungslagern wie Auschwitz-Birkenau. 50 Jahre nach der Konferenz eröffnete in der Villa eine Holocaust-Gedenkstätte. Für Dan Diner, Historiker von der Alfred Landecker Foundation in Jerusalem, nach wie vor einer der wichtigsten Gedenkorte überhaupt. „Das Dramatische an der Wannseekonferenz ist nicht, dass dort die Entscheidung für den Holocaust getroffen worden wäre“, sagt er. Vielmehr sei die „Endlösung“, die den Nazis vorschwebte, auf ein höheres, organisatorisches Level gehoben worden. Führende Köpfe wie Reinhard Heydrich nahmen das Zepter in die Hand und plante den Mord an Millionen Menschen, um politische Karriere zu machen. Und das, obwohl der Holocaust dem Dritten Reich mehr geschadet als genutzt habe, sagt Diner. „Die Nazis wollten den kollektiven, absoluten Tod aller Juden, die im Einflussbereich der Wehrmacht lebten. Ein Tod, dessen rationale Bedeutung im Sinne der deutschen Kriegsführung nicht erkennbar war; etwas, das man als gegen-rational bezeichnen muss.“  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Gespräch Historiker Longerich über Kontinuitäten des deutschen Judenhasses: „Antisemitismus in neuer Form“

Für den Historiker Peter Longerich ist die kontinuierliche Geschichte des deutschen Antisemitismus eng mit der Identitätsfindung des Landes in den vergangenen 250 Jahren verbunden.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Holocaust 6 Millionen ermordete Juden – Woher stammt diese Zahl?

6 Millionen Juden haben die Nationalsozialisten ermordet. Rund 4 Millionen Menschen starben in Konzentrations- und Vernichtungslagern, 2 Millionen durch Massaker. Von Gábor Paál | Text und Audio dieses Beitrags stehen unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY-NC-ND 4.0.  mehr...

SWR2 Impuls SWR2

Porträt Der Historiker Raul Hilberg – Pionier der Holocaust-Forschung

Raul Hilberg, 1926 in Wien geboren, war ein US-amerikanischer Historiker und Holocaustforscher. "Die Vernichtung der europäischen Juden" ist die erste systematische Beschreibung des Holocaust.  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

Dokumentation „Zeugen – Wie der Holocaust ins Fernsehen kam“: Auf den Spuren eines Interview-Projekts

Lange Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in der deutschen Gesellschaft nicht offen thematisiert, was sich in den Konzentrationslagern abgespielt hatte. Das änderte die US-Serie „Holocaust“ 1979. Sie war der Beginn der deutschen Erinnerungskultur. Zwei Jahre später eine weniger bekannte, aber mindestens genau so wichtige Etappe: Das Erste sendete Interviews mit KZ-Überlebenden unter dem Titel „Zeugen – Aussagen zum Mord an einem Volk“. Die Serie waren nach langer Vorbereitung in Israel und Polen entstanden. 40 Jahre danach zeichnet eine Dokumentation diesen Weg noch einmal nach.  mehr...

SWR2 Journal am Mittag SWR2

Geschichte Holocaust-Gedenktag 2021: Erstarken des Antisemitismus verhindern

Holocaust, Schoah, Porajmos: Der grausamen Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten fielen vor allem Juden und Jüdinnen, Sinti*ze und Rom*nja, Menschen mit Behinderungen und psychisch Kranke zum Opfer. Andere Bevölkerungsgruppen wie Homosexuelle, Zeugen Jehovahs und sogenannte Asoziale und Berufsverbrecher wurden ebenfalls systematisch verfolgt, gequält und ermordet. Ihrer und aller anderen Opfer der Nationalsozialisten – darunter auch politische Gefangene, Zwangsarbeiter*innen und Widerstandskämpfer*innen – wird seit 1996 am 27. Januar in Deutschland gedacht. Der Tag markiert die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee 1945 und ist seit 2005 auch weltweit Gedenktag der Opfer des Holocaust. 2021 steht er in Deutschland außerdem im Kontext des Festjahres „1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“.  mehr...

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