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Als am 20. November 1945 führende Politiker und Militärs der Hitler-Diktatur in Nürnberg vor Gericht kamen, war das epochal: "Allein, dass man eine justizielle Aufarbeitung von Kriegsverbrechen machte, das war schon eine große Errungenschaft", urteilt der Völkerrechtler Kai Ambos im Gespräch mit SWR2. Trotzdem habe es Jahrzehnte gedauert, bis internationales Recht weltweit Fuß fassen konnte.

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Noch immer nicht weltweit anerkannt

Der Kalte Krieg und die „politische Großwetterlage“ hätten das verhindert, meint der in Göttingen lehrende Experte: „Durch Gorbatschow und Perestrojka gab es dann ein 'window of opportunity'." Ambos erwähnt die Kriegsverbrechertribunale zu Ex-Jugoslawien und Ruanda als herausragend. Negativ sieht er, dass Großmächte wie die USA, Russland und China den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag boykottierten und die USA dessen Richter sogar mit Strafen drohten.

Völkerrecht hängt vom Konsens ab

„Sie sind im Völkerrecht immer abhängig von Staaten und Staatenkonsens", so Ambos über die Schwäche des Völkerrechts. Seine Erklärung: „Weil es eben ums Eingemachte geht – nämlich um Freiheit, um Anwendung von Strafen auf politische Führungsfiguren“. Da helfe es nur, wenn die Zivilgesellschaften und möglichst viele Staaten sich zu den Gedanken des Völkerrechts bekennen – und das sei weltweit immerhin in über 120 Ländern der Fall.

Kai Ambos ist Lehrstuhlhaber für internationales Strafrecht und Völkerrecht an der Uni Göttingen. Seit 2017 ist er Richter am Kosovo-Sondertribunal in Den Haag. Ambos ist zudem Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher über internationales Strafrecht und Völkerrecht.

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