Gespräch

Bedrohliche Lage in vielen Kliniken – Weshalb die Krankenhäuser krank sind

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INTERVIEW
Joana Ortmann

Die Corona-Krise ist keineswegs Ursache dafür, dass die Kliniken in Deutschland an der Belastungsgrenze sind. „Sehr langjährige Entwicklungen werden jetzt verstärkt durch die Sondersituation Corona“, sagt der Sozialwissenschaftler und Experte für das Gesundheitssystem, Professor Stefan Sell, von der Hochschule Koblenz.

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Die Ökonomisierung der Gesundheit ist das größte Problem

Der Experte sieht die Ursache in der Ökonomisierung des Gesundheitssektors, die durch die Einführung des Fallpauschalen-Systems entstanden sei. „Die Tagespauschalen führen dazu, dass einige Krankenhäuser richtig effizient werden wenn sie sich spezialisieren.“ Die Kreiskrankenhäuser dagegen hätten am größten Kostenblock gespart – den Pflegekräften.

Anlässlich der Hauptversammlung des Hartmannbunds, der Vereinigung der Klinikärzte, bezeichne der an der Hochschule Koblenz lehrende Experte Personalsituation in den Intensivstationen als „schlicht eine Zumutung“. Denn dort sei zu wenig Qualifizierung in ausreichender Zahl betrieben worden: „Man kann eben nicht per Knopfdruck ein paar Leute von anderen Stationen holen.“ Deshalb seien in den Abteilungen in der Corona-Krise etwa 4000 Stellen abgebaut worden.

Keine Besserung zu erwarten

Eine Besserung der Lage ist aus der Sicht von Sell nicht unmittelbar zu erwarten. Eine Variante sei es, die Zahl der Krankenhäuser zu reduzieren – dann habe man theoretisch genügend Pflegekräfte.

Allerdings gehörten die Kliniken zum Sicherungs-Netz der Gesellschaft. Deshalb arbeite man im Gesundheitssektor als zweite Möglichkeit daran, die Pflegekräfte wieder separat – jenseits der Pauschale – zu finanzieren. Die Folge sei: „Jetzt entlässt man die Assistenzkräfte.“ Die Pflegekräfte sollten nun auch wieder das Essen an die Betten der Patienten bringen. Sells Bilanz: „Das ist Irrsinn, aber logisch. Denn hier folgt man dem Geld.“

Prof. Stefan Sell lehrt Volkswirtschaft, Sozialpolitik und Sozialwissenschaften am RheinAhrCampus Remagen der Hochschule Koblenz. Er betreibt zudem den Block "Aktuelle Sozialpolitik".

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Die Bezahlung sei jedoch nicht die einzige Erklärung für den Mangel an Pflegekräften in Deutschland. Ebenso schwer wögen fehlende Ausbildungskriterien für die Skala der Tätigkeiten – von Pflegeassistenten bis zu Pflegekräften mit akademischer Vorbildung. So gebe es in anderen Ländern zum Beispiel so genannte „Pflegefachpersonen“, die im Alltag auch Verschreibungen vornehmen dürfen. „Wir brauchen neue Berufsfelder – das wertet den Beruf auch auf", so Vogler.
Insgesamt sieht sie einen Stillstand in der Debatte um die Pflege. Grund für die Misere sei, dass Betroffene nicht die Kraft hätten, sich politisch um Verbesserungen zu kümmern und Nichtbedürftigen der Bezug zum Thema fehle. Für ihre Kolleginnen und Kollegen lautet Voglers Bilanz: „Die jahrzehntelang gepflegte Praxis, dass die Pflegenden nicht in die Selbstverwaltungsstrukturen im Gesundheitswesen kommen, hat es zu einer Passivität kommen lassen, aus der wir nicht herausfinden."
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Joana Ortmann