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Eigentlich müsste was passieren. Doch es passiert nichts - oder nicht genug. SWR2 schaut auf die politischen Versäumnisse der vergangenen zehn Jahre im Bereich der Klimapolitik und der Verkehrswende, im Wohnungsbau, in der Migrations- und Bildungspolitik. Eine Reise durch das Jahrzehnt der Prokrastination.

Collage: Angela Merkel, Martin Schulz, Sigmar Gabriel und Ursula von der Leyen gähnen im Bundestag (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Wolfgang Kumm (2)/Michael Kappeler/Bernd von Jutrczenka)
Wolfgang Kumm (2)/Michael Kappeler/Bernd von Jutrczenka

Sabine Hess über Einwanderung: Jahrhundertchance nicht genutzt

Die Fachkräftedebatte habe gezeigt, dass Einwanderung für Deutschland ein „Muss” ist, so Sabine Hess, Direktorin des Center for Global Migration Studies an der Universität Göttingen.

Die Politik verkenne im Grunde immer noch dieses „Vernetzungsmoment”. Zu oft werde beim Thema Migration die nationale Perspektive eingenommen. 2015 habe sich eine unglaubliche Willkommenskultur gezeigt. Diese Offenheit sei in der Folge allerdings gezielt kaputt gemacht worden. So sei eine Jahrhundertchance nicht genutzt worden.

Elke Pahl-Weber zu Wohnungsnot: Etwas gegen hohe Bodenpreise tun

Der Systemfehler auf dem Wohnungsmarkt liege darin, dass die Bodenpreise zu hoch sind: „Wir brauchen dringend eine Regelung, dem müssen sich die Parteien annehmen”, so die Städteplanerin Elke Pahl-Weber in SWR2. Es sei richtig, ein Grundrecht auf Wohnen im Grundgesetz zu verankern: „Die Würde des Menschen hängt davon ab, ob er ein Dach über dem Kopf hat.”

Armin Himmelrath zur schulischen Bildung: Endlich gezielter fördern

Weiterhin herrscht Pisa-Ernüchterung in Deutschland. Zwar schneiden deutsche Schülerinnen und Schüler im Lesen, in Mathematik und Naturwissenschaften etwas besser ab als der Durchschnitt der OECD-Länder. Aber laut aktueller Studie haben sich ihre Leistungen zuletzt wieder verschlechtert.

Nach 20 Jahren weitgehendem Stillstand im Bereich der schulischen Bildung müsse sich die Politik endlich dafür entscheiden, wen sie gezielt fördern wolle, so Armin Himmelrath, Leiter des Ressorts Bildung bei „Spiegel Online”. Bislang würden Mittel zu breit gestreut. Dabei sei es insbesondere erforderlich, sozial Benachteiligte besser zu fördern.

Andreas Knie zur Verkehrswende: Sich von der Blechmenge befreien

Das Auto sei schon immer ein politisches Thema gewesen, so der Berliner Soziologe und Mobilitätsforscher Andreas Knie. „Nur hatten wir es zwischenzeitlich vergessen, haben gedacht, es ist vom Himmel gefallen oder ist in unserer DNA“. Der Autor des Buches „Erloschene Liebe? Das Auto in der Verkehrswende“ fordert, die politischen Rahmenbedingungen zu ändern, damit „wir uns ein wenig von der Menge an Blech befreien können“.

„Das ist keine Liebe mehr, das ist einfach Pragmatismus, warum man jetzt noch Auto fährt“, so Andreas Knie zur Frage, warum dennoch immer mehr SUVs auf die Straßen kommen. Es sei eine paradoxe Situation entstanden - während alle merkten, dass es weniger Autos werden müssten, werde das Auto von der Politik weiter gefördert. Folglich sei, wer heute immer noch kein großes Auto kaufe, ökonomisch gesehen dumm. „Das müssen wir ändern“, so Knie.

Bernd Ulrich: „Kollektive Verdrängung“ in der Klimapolitik

Der stellvertretende Chefredakteur der Wochenzeitung „Die Zeit“, Bernd Ulrich, sieht den Grund für jahrelange Versäumnisse in der Klimapolitik in einer Art der kollektiven Verdrängung. Ulrich sagte SWR2, „das wissende Ignorieren ist eins der größten Kunstprodukte unserer Zivilisation“.

Erforderlich sei „ein richtiger Sprung vom 20. ins 21. Jahrhundert, den wir bislang noch nicht getan haben. Jetzt merkt man langsam: Das zentrale Problem ist etwas anderes, völlig Neues, nämlich die existenzielle Krise zwischen Mensch und Natur“.

Buchkritik: Bernd Ulrich „Alles wird anders. Das Zeitalter der Ökologie”

Mit nationalen und internationalen Krisen beschäftigt sich Bernd Ulrich als Journalist und Buchautor schon seit vielen Jahren. Der einst in der Friedens- und Ökobewegung aktive Journalist wendet sich mit dem Klimawandel einer Krise zu, die zur Schicksalsfrage der Menschheit werden könnte.

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Aula Gerechte Schule - Wie können benachteiligte Schüler gefördert werden?

Warum Kinder aus sozial schwachen Familien schlechtere Bildungschancen haben als Kinder privilegierter Schichten, hat die Sozialwissenschaftlerin Anne Christine Holtmann erforscht. Im Gespräch berichtet sie über ihre überraschenden Ergebnisse.  mehr...

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