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Kommentar von Rainer Volk

Horst Seehofer hat wieder zugeschlagen. Bei der Klausur der CSU-Landesgruppe im Bundestag hat der Bundesinnenminister Migration als „Mutter aller Probleme“ bezeichnet. Die Reaktion war erwartbar: Der CSU-Vorsitzende fand bei der AfD einhelligen Zuspruch für diese Einschätzung, während ihm die anderen Parteien im Parlament und die Kanzlerin fast ebenso einhellig widersprachen.

Zurück ins Jahr 2014 - oder besser 1989 - oder 1965?

Der Zustrom der Fremden gleicht nur mehr einem Rinnsal. Trotzdem flößt er den Deutschen weiterhin Angst ein. Das hat erst gestern eine Langzeitstudie ergeben.

Könnten wir die Uhren zurückdrehen, sehr viele Mitbürger würden sich in das Jahr 2014 zurückwünschen – in eine Zeit vor der Flüchtlingskatastrophe in Syrien. Oder darf es 1989 sein? Oder 1965 - als das Nachkriegs-Wirtschaftswunder seinen Höhepunkt erreichte?

Migration war früh die Lösung vieler Probleme

Damals hießen die Fremden noch „Gastarbeiter“. Man hoffte, wenn sie ihre Schuldigkeit getan hatten, würden sie wieder gehen und irgendwo zwischen Neapel und Anatolien ihre karge Rente aufbrauchen.

Unser Gedächtnis ist kurz. Sonst wäre uns klar: Auch in den 60er Jahre war die Arbeitsmigration die Lösung vieler deutscher Probleme, nicht deren Mutter. Das galt spätestens seit der Zuwanderung aus Polen, die das Kaiserreich vor gut 140 Jahren dringend für die Kohlezechen im Ruhrgebiet und die Adels-Güter in Preußen benötigte.

Arbeitsmigranten haben Rentensysteme stabilisiert

Selbst die Nazis schlossen bereits vor dem Zweiten Weltkrieg einen Vertrag mit Mussolini, weil der Arbeitsmarkt leergefegt war und sich kein Deutscher mehr fand für allerhand Drecksjobs.

Vergessen ist auch, dass unsere Rentenbeiträge heute sehr viel höher wären, hätten die Arbeitsmigranten der ersten, zweiten und dritten Generation nicht in die Sozialkassen eingezahlt und durch Kinder und Kindeskinder die Alterung der Gesellschaft – statistisch gesehen – abgemildert.

Deutschland kein Einwanderungsland - ein verfestigter Irrtum

Gerade die Union aus CDU und CSU hat ihren Wählern jahrelang erzählt, Deutschland sei kein Einwanderungsland – das war negativ konnotiert. Sie gewann bis ins frühe 21. Jahrhundert hinein Wahlkämpfe mit dieser Parole. Da war die Realität in Städten und Dörfern bereits eine andere. Da hatte sich das Falsche aber schon so verfestigt, dass es die Leute glaubten.

Wie sonst kann man der Idee erliegen, Akkulturation sei eine Einbahnstraße, von den Fremden alleine zu bewältigen! Die Mehrheitsgesellschaft werde davon nicht angekratzt, habe keine Kosten und Mühen. Nur den Profit, den sollten alle haben.

Verdächtige Flüchtlinge - sofort wird daraus ein Skandal

Was Chemnitz und die Folgen angeht, ist klarzustellen: Kein Konflikt darf mit Gewalt entschieden werden. Aber man hört und liest bisher sehr wenig über die Umstände, die dort am vorvergangenen Sonntag zum Tod eines jungen Mannes führten. Wäre es ein Streit unter so genannten „Bio-Deutschen“ gewesen - außerhalb Sachsens hätte es kaum mehr als eine kleine Meldung in den Medien gegeben. Aber: Es waren ja Flüchtlinge, die der Tat verdächtig sind.

Horst Seehofer: Großvater aller Ressentiments

Genau deshalb komme ich auf den Gedanken, wo die eigentliche Mutter aller Probleme zu suchen ist. Horst Seehofer jedenfalls hat sie nicht beim Namen genannt. Indem er auf die Migration zeigt, hat er sich zum Großvater aller Ressentiments gemacht. Als einer, der aus der Spur ist, seit er in Berlin seinen Amtseid geleistet hat.

Den Spurwechsel, den es in der Migrationspolitik braucht, kann Seehofer nicht schaffen, weil er dafür seine Klischee-Grundsätze aufgeben müsste. So wird die Wirtschaft weiter betteln, dass Flüchtlinge mit einem sicheren Job in Deutschland bleiben dürfen. Nur so könnte Migration – wie eigentlich schon immer – die Probleme vieler, auch im Aufnahmestaat, lösen helfen.

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