Offenburg

"Wie soll ich das verstehen?"

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Stolperstein in der Wilhelm Str. 15

Der 22.10.1940, ein Tag des Schreckens: 6.500 Juden in Baden und der Saarpfalz werden gezwungen, innerhalb einer Stunde zu packen und ihre Heimat zu verlassen. Die Dichterin Sylvia Cohn ist eine von ihnen. Nicht nur die Ungewissheit, wohin sie gebracht wird, ist erdrückend. Noch größer ist die Sorge um ihre zwei jüngeren Kinder, die in der jüdischen Schule in Freiburg sind, und um ihre Älteste, die 13-jährige Esther in München.

Mit 15 Jahren beginnt Sylvia Cohn, Gedichte zu schreiben. Seit den ersten großen Schicksalsschlägen – der Kinderlähmung der ältesten Tochter, dem Aufkommen des Nationalsozialismus – verdunkelt sich der Ton, dichtend setzt sie sich mit der Verfolgung auseinander.

Fremdheit.

Breitnau, 6. Juni 1937

Wie starr muss ich geworden sein,
Wie sehr mir selbst entwendet,
Daß ich nun ohne Worte sein
Muß, - wie mir selbst entwendet.
(…)
Mich, die des dunklen Tannwalds Höhn;
Des Schwarzwalds tiefe Schwere
Erhoben, wann ich sie gesehn,
Aus düst’rer Erdensphäre,-
(..)
Noch spür’ den Sommer ich, der webt,
Noch schmeckt ich seine Süße…

Doch wenn ich nach ihm fassen will,
Der tief mir war zu eigen,
Da wird’s um mich so fremd und still,
Das Land hüllt sich in Schweigen.

Frl. Dallheim zum Abschied

3. Dezember 1941

Lange hast Du Dich gesehnt,
Endlich wird es wahr,
Und was endlos Du gewähnt,
Geht zu End dies Jahr.

Ach, was hat man uns getan,
Qual und Not und Pein.
Und wir trugen's, Frau und Mann,
Nun bin ich allein.

Doch nicht Trauer füllt den Sinn,
Tut auch der Abschied weh,
Ziehe, ziehe froh dahin,
Zieh nach Übersee!


Und verkünde tausendfach,
Was man an uns tut
Hunger, Kälte, Härte, ach
Qualen bis aufs Blut!

Rufe Freundin, rufe laut
Wecke Taube auf!
Daß man auf uns Ärmste schaut,
Rettet uns zuhauf!

Rettet uns, eh es zu spät,
Helft, ach helft sofort,
Nicht dass der Wind dies Wort verweht,
Ich sag Euch, es ist Mord.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Eva Mendelsson und Martin Ruch

Buchtipp:

Eva Mendelsson - Martin Ruch:
Sylvia Cohn 1904-1942,
Gedichte und Briefe.
Norderstedt 2004

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