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Stolperstein in der Schellbergstraße 62

"Theresienstadt war und ist für mich Schule der Form". Diesen Satz schrieb Viktor Ullmann in einem Aufsatz über die Kunst des Komponierens in Theresienstadt, wohin er 1942 aus Prag deportiert wurde. Es zeugt vom ungebrochenen Willen, sein Leben in der Hand zu behalten, selbst zu bestimmen und sich nicht den äußeren Bedingungen zu beugen. Diese Geisteshaltung zeigte Ullmann als überzeugten Anthroposophen. Die Beschäftigung mit der Lehre Rudolf Steiners war es auch, die zu der Stuttgart-Episode im Leben von Viktor Ullmann führte.

Kurzbiografie:

1898 im damaligen Österreich-Ungarn geboren, studiert Ullmann in Wien und Prag. Ende der 20er Jahre zeichnet sich sein Durchbruch als Musiker ab. 1929 erregen seine Kompositionen auf dem Genfer Musikfest der "Internationalen Gesellschaft für Neue Musik" Aufsehen, da wendet er sich der Anthroposophie zu. Im schweizerischen Dornach betreibt er Studien und legt als Musiker eine Pause ein. Er zieht mit seiner Frau Anni 1931 nach Stuttgart und wird Buchhändler. Er übernimmt die "Novalis Bücherstube", eine anthroposophische Buchhandlung in zentraler Lage am Stuttgarter Charlottenplatz.

1932 kommt ihr erstes Kind, Maximilian Rudolf zur Welt. Die Familie wohnt in der Schellbergstraße 62, einer ruhigen Anliegerstraße im Stuttgarter Osten.

ein Mann, der seitlich in die Kamera schaut (Foto: Pressestelle, privat -)
Viktor Ullmann, 1939 Pressestelle privat -

Für Viktor Ullmann bedeuten die Stuttgarter Jahre eine Zäsur. Er wird in dieser Zeit keine einzige Note schreiben. Aber ein Buch inspiriert ihn wieder zum Komponieren: Albert Steffens "Der Sturz des Antichrist".

Doch dazu kommt es nicht mehr in Stuttgart. 1933 verlässt die Familie nur mit Handgepäck im Nachtzug die Stadt. Es ist eine Flucht vor Gläubigern, aber auch den Schergen des neuen Systems, den Nationalsozialisten.

Die Flucht endet in Prag und noch einmal nimmt Ullmann das Leben als Musiker auf. Er ernährt die auf vier Kinder herangewachsene Familie als Lehrer und Artikelschreiber. Er veröffentlicht aber auch neue Werke, nimmt an Festivals teil und reist. So kommt er auch noch einmal in die Schweiz und versucht hier im sicheren Exil zu bleiben. Doch die Schweizer Behörden gehen auch in seinem Fall rigoros vor. Er muss Dornach verlassen kehrt nach Prag zurück.

1939 wird Prag von den Nationalsozialisten besetzt. Die Deportationen in die Konzentrationslager beginnen. Noch einmal gelingt es Ullmann, von der Transportliste gestrichen zu werden, durch eine neue Heirat. Doch am 8. September 1942 wird Ullmann mit seiner dritten Frau nach Theresienstadt deportiert.

Annie Ullmann, die Mutter seiner Kinder, wird mit dem jüngsten Sohn in der Gaskammer in Auschwitz getötet. Der in Stuttgart geborene, erste Sohn, der 12-jährige Maximilian Rudolf stirbt noch in Theresienstadt an Unterernährung. Zwei Kinder können gerettet werden und kommen durch eine Hilfsorganisation nach England zu Adoptiveltern. Beide leiden vermutlich unter einer depressiven Veranlagung, die schon ihr Vater gezeigt hat und die nun zum Ausbruch kommt. Die Kinder werden in psychiatrische Anstalten gebracht und sterben dort Jahrzehnte später, in ihren 60ern, in ärmlichen Verhältnissen.

drei Kinder, zwei Jungs und in der Mitte ein Mädchen (Foto: Pressestelle, privat -)
Drei der vier Kinder von Annie und Viktor Ullmann (ca.1938): Max, Felicia und Johannes (von li. nach rechts) Pressestelle privat -

Viktor Ullmann stürzt sich in Theresienstadt in das Kulturleben und wird zu dessen Motor. Er organisiert Aufführungen und komponiert weiter. In jenem Aufsatz aus dem Sommer 1944, der wie viele seiner Kompositionen gerettet wird, gibt er sich ungebrochen:

"Theresienstadt war und ist für mich Schule der Form. Früher, wo man Wucht und Last des stofflichen Lebens nicht fühlte, weil der Komfort, diese Magie der Zivilisation, sie verdrängte, war es leicht, die schöne Form zu schaffen. Hier, wo man auch im täglichen Leben den Stoff durch die Form zu überwinden hat, wo alles Musische im vollen Gegensatz zur Umwelt steht, hier ist die wahre Meisterschule." 

Am 16. Oktober 1944 wird Viktor Ullmann mit einem der letzten Transporte nach Auschwitz gebracht. Dort wird er direkt nach seiner Ankunft in der Gaskammer ermordet. Die Oper "Der Sturz des Antichrist", zu der er in seiner Stuttgarter Zeit inspiriert wurde und die als sein Meisterwerk gilt, wird 1995 in Bielefeld uraufgeführt. 60 Jahre nach ihrer Entstehung.

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