Baden-Baden

Rudolf Nachmann: Die Ohnmacht der Geretteten

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Stolperstein in der Sophienstraße 20

Nur ein Foto blieb Rudolf Nachmann als Erinnerung an seine Eltern. Bis zu seinem Lebensende war es sein ständiger Begleiter. Er selbst konnte 1938 mit seiner jungen Frau und der vierjährigen Tochter Inge in die USA auswandern.

Foto von Florine und Julius Nachmann in Baden-Baden mit Enkeltochter Inge (Foto: Pressestelle, Privat -)
Die Eltern von Rudolf Nachmann in Baden-Baden mit Enkeltochter Inge. "Mein Vater hatte dieses Photo sein ganzes Leben lang bei sich, wohin er auch ging." erinnert sich Inge Dobelis, geb. Nachmann Pressestelle Privat -

Bis zu seiner Emigration arbeitete Rudolf Nachmann im Geschäft der Eltern Julius und Florine Nachmann. Im Wiener Bazar in der Sophienstraße fanden die reichen Kurgäste Baden-Badens ein großes Sortiment an Geschenkartikeln und Spielwaren, aber auch Haushaltswaren waren im Angebot.

Hochzeitsfoto von Rudolf Nachmann (Foto: Pressestelle, privat -)
Inge Dobelis: "Meine Eltern heirateten in Baden-Baden, der Stadt, die für meinen Vater und dessen Familie lange eine Heimat war." Pressestelle privat -

1938 wurde die Familie in alle Winde zerstreut. Rudolf Nachmann gelang es, kurz vor dem Novemberpogrom 1938 für seine junge Familie ein Affidavit für die USA und eine Schiffspassage nach New York zu bekommen. Tochter Inge war damals gerade vier Jahre alt.

Sein älterer Bruder Hermann – auch er hatte im elterlichen Betrieb mitgearbeitet – ging im gleichen Jahr nach Frankreich und meldete sich als Freiwilliger bei der Fremdenlegion.

Die Eltern blieben in Baden-Baden und hofften, in dem internationalen Kurort die NS-Zeit halbwegs unbeschadet überstehen zu können. Doch am 22.10. 1940 wurden der 71jährige Julius Nachmann und seine 69 Jahre alte Frau Florine in das Internierungslager Gurs verschleppt. Florine Nachmann überlebte die miserablen Zustände dort nicht und starb im Dezember 1940, ihr Mann wurde 1942 nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Rudolf Nachmann siedelte mit seiner Familie von New York nach Columbus in Georgia über. Dort hielten er und seine Frau Resi geb. Hamburger sich mit den unterschiedlichsten Jobs über Wasser. Bald schien das neue Leben in den USA wieder in geordneten Bahnen zu verlaufen.

Aber aus Europa kamen höchst beunruhigende Nachrichten und die Möglichkeit für die Immigranten, den Verwandten in Deutschland zu helfen, waren sehr begrenzt. Die Versuche, ein Visum für Eltern und Schwiegereltern, Schwager und Schwägerin zu bekommen, scheiterten. Verzweiflung machte sich breit, als die Familie nach dem Krieg feststellen musste, dass nur Bruder Hermann in Frankreich den Holocaust überlebt hatte.

Diese Nachrichten forderten ihren Tribut: Rudolf Nachmann zog sich vollkommen in sich selbst zurück, seine Frau musste mehrfach in die Psychiatrie eingewiesen werden.

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SWR