Die Nationalsozialisten und der Kurort

Trügerische Ruhe

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Die Geschichte der jüdischen Gemeinde im Weltbad Baden-Baden endete wie die aller jüdischen Stadtgeschichten in Deutschland nach 1933. Doch zunächst verlief sie nach einem etwas anderen Muster.

Synagogenbrand in Baden-Baden, 10.11.1938 (Foto: Pressestelle, Stadtmuseum/Stadtarchiv Baden-Baden - Josef Coeppicus)
Synagogenbrand in Baden-Baden, 10.11.1938 Pressestelle Stadtmuseum/Stadtarchiv Baden-Baden - Josef Coeppicus

Die nationalsozialistischen Machthaber ließen – wenn auch nur vorübergehend – von einer Judenverfolgung im Weltbad ab. Der kosmopolitische Kurgast, zahlungskräftig und verwöhnt, sollte die Stadt und ihre Annehmlichkeiten weiterhin unbeschwert genießen können, vor allem aber seinen Beitrag zur Sanierung des hochverschuldeten Stadtetats leisten. Kurortinteressen hatten absoluten Vorrang vor ideologischen Fragen und so wurden ausgerechnet unter nationalsozialistischer Führung – mangels anderer Bewerber – jüdische Fachleute in den Badeort geholt, um die im Oktober 1933 wiedereröffnete Spielbank zu betreiben. Das blieb auch in Frankreich nicht unbemerkt: Eine französische Zeitung titelte am 15.1.1934 "Les associés juifs de Hitler".

Baden-Baden gibt sich weltoffen

Überdies wurde im Reich die Parole ausgegeben, das grenznahe Baden-Baden zu einer "Besuchskarte" Deutschlands zu machen. In dem Kurort sollten ausländische Gäste "Gelegenheit haben, deutsches Wesen und deutsche Art im neuen Staate kennen zu lernen und sich von dem geordneten Gang der Dinge zu überzeugen". Die Nationalsozialisten benutzten die Stadt 1933 zur Beruhigung einer bereits wachgewordenen Weltöffentlichkeit unter dem Motto "Alles bleibt so wie bisher".

Viele Juden ziehen ins vermeintlich sichere Baden-Baden

So konnte man als Jude in den ersten Jahren der NS-Diktatur relativ unbelästigt in Baden-Baden leben. Im Vertrauen auf diese Politik kamen viele jüdische Kurgäste und es zogen auffallend viele Juden in die Stadt. 40 % der zugezogenen Juden waren über 50 Jahre alt. Vermutlich scheuten diese älteren Menschen das Risiko der Auswanderung und hofften, hier vor gewaltsamen Übergriffen sicherer zu sein. Für die Absicht, sich an diesem Ort längerfristig niederzulassen, spricht auch die Tatsache, dass 5% der zugezogenen Familien zwischen 1933 - 1937 Grundbesitz erwarben. Doch ab den Novemberpogromen änderte sich die Lage.

Von Angelika Schindler //

Buchtipp:

Schindler, Angelika: Der verbrannte Traum. Jüdische Gäste und Bürger in Baden-Baden. Von den ersten Zeugnissen bis 1945, Aquensis 2013.

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SWR