Die Pole der Erde (2/2) Die Arktis – Warten auf den Wirtschaftsboom

Von Dirk Asendorpf

Die Arktis erwärmt sich doppelt so schnell wie der Rest der Welt. Immer größere Gebiete bleiben eisfrei. Das lockt die Fischerei, erleichtert den Zugang zu Rohstoffen und öffnet neue Schifffahrtsrouten. Die Aktivitäten bleiben allerdings noch hinter den Erwartungen zurück.

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8:30 Uhr
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SWR2

Erdöl und Erdgas

Die Förderung von Erdöl und Erdgas aus arktischem Meeresboden hat begonnen. Auf der kleinen Insel Melkøya vor Hammerfest ist in den letzten zehn Jahren die modernste Förderanlage der Welt entstanden. Hier werden Öl und Gas aus dem Snøhvit-Feld verarbeitet, das vor dem Nordkap in der Barentssee liegt.

Die typischen Offshore-Plattformen gibt es dort nicht, alle Installationen befinden sich 300 Meter unter der Wasseroberfläche direkt auf dem Meeresgrund. Mehr als sieben Milliarden Tonnen Erdgas strömen jedes Jahr durch die Pipeline, das entspricht rund sechs Prozent des deutschen Verbrauchs.

Noch größere Mengen werden entlang der sibirischen Polarmeerküste vermutet. Um sie auszubeuten, haben Rosneft, Russlands zweitgrößter Energiekonzern, und Exxon, der größte der Welt, 2018 eine Kooperationsvereinbarung unterschrieben. Gefördert wurde allerdings noch nichts. Denn nachdem der Erdölpreis stark gefallen ist, ist das Interesse an der Arktis ebenfalls gesunken.

Gasverflüssigungsanlage bei Hammerfest (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / Hinrich Bäsem -)
Gasverflüssigungsanlage bei Hammerfest picture alliance / Hinrich Bäsem -

Fragiles polares Ökosystem in Gefahr

Die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens können allerdings nur erfüllt werden, wenn ein Großteil der noch existierenden Öl- und Gasreserven unter der Erde bleibt. Und das sollte insbesondere für die arktischen Energierohstoffe gelten. Denn wenn dort bei der Förderung etwas schief geht, gerät das fragile polare Ökosystem in große Gefahr.

In der Kälte verlaufen biologische Prozesse sehr viel langsamer als in tropischen Gebieten. Das Unglück des US-Tankers Exxon Valdez hat es gezeigt. Rund 40.000 Tonnen Rohöl waren damals vor Alaskas Südküste ausgelaufen. Auch 30 Jahre später haben sich die Fischbestände davon nicht erholt.

Bis zu 50 Tonnen arktischer Kabeljau landen dagegen täglich in den Netzen um Spitzbergen herum. Insgesamt dürfen in diesem Jahr 725.000 Tonnen in der Barentssee gefangen werden, das ist nah am Allzeithoch. Neben gutem Management zwischen Norwegen und Russland hat auch der Klimawandel zum Boom der arktischen Fischerei beigetragen.

Verendeter Grauwal nach der Havarie der Exxon Valdez im April 1989 (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/AP Photo - AP Photo/John Gaps)
Verendeter Grauwal nach der Havarie der Exxon Valdez im April 1989 picture alliance/AP Photo - AP Photo/John Gaps

Kabeljau zieht um, Tourismus überall

Weil sich das Meer erwärmt, ziehen die großen Kabeljauschwärme immer weiter nach Norden, inzwischen sind die Trawler sogar im tiefsten Winter vor Spitzbergen unterwegs. Schreitet der Klimawandel weiter voran, könnte es mit dem arktischen Fischreichtum allerdings bald schon wieder vorbei sein. Denn noch weiter nördlich kann der Kabeljau nicht ziehen – und das liegt nicht am polaren Packeis, sondern an der plötzlichen Tiefe des Polarmeeres im Vergleich zum Schelfmeer.

Für die Fischerei ist das zentrale Nordpolarmeer vorerst tabu, nicht aber für den Tourismus. Jedes Jahr im April wird auf dem Eis ein Nordpol-Marathon ausgetragen. Reiseveranstalter bringen die Teilnehmer – wenn das Wetter mitspielt – im Flugzeug an den Startplatz in der Nähe der russischen Nordpolstation Barmeo.

Drei bis vier Tage später sind sie wieder zu Hause, 17.000 Euro kostet der exklusive Kurztrip an die Spitze der Welt. Noch etwas teurer ist die zehntägige Fahrt mit einem Eisbrecher von Murmansk zum Nordpol und zurück. Eine Kreuzfahrt nach Spitzbergen ist dagegen schon zum Schnäppchenpreis zu haben. Selbst schwimmende Kleinstädte ohne Eisklasse trauen sich im Sommer inzwischen bis nach Longyearbyen – und lösen bei Einheimischen gemischte Gefühle aus, denn die Besuchergruppen sind oft größer als die Zahl der Dorfbewohner.

Kreuzfahrtschiff «Viking Sky» (Foto: dpa Bildfunk, Foto: Ekornesvåg, Svein Ove/NTB scanpix/dpa -)
Das Kreuzfahrtschiff "Viking Sky" war im März 2019 in Seenot geraten. Gegen die zuständige Reederei wurde mittlerweile eine Sammelklage in den USA eingereicht. Foto: Ekornesvåg, Svein Ove/NTB scanpix/dpa -

Evakuierung von 20 Stunden und mehr

In den Prospekten der Kreuzfahrtindustrie erscheint eine Reise in die Arktis als idyllische Vergnügungsfahrt unter der Mitternachtssonne im Sommer oder Polarlichtern im Winter, durch die hohen Glasscheiben der Lounge ein weiter Blick auf Eisschollen und Eisbären. Orkan, peitschender Regen und meterhohe Wellen kommen in den Prospekten nicht vor – auf der realen Nord- und Barentssee aber durchaus.

Wenn zu einem Unwetter auch noch ein Maschinenschaden kommt, wird es brenzlig. Im März 2019 war die Viking Sky manövrierunfähig der schweren See vor Norwegens Küste ausgesetzt, Möbel machten sich selbständig, Teile der Deckenverkleidung fielen in die Lounge. Die anschließende Helikopter-Evakuierung von 450 der 1.400 Menschen an Bord dauerte fast 20 Stunden – obwohl die Havarie in Zentralnorwegen zwischen den Großstädten Bergen und Trondheim passiert war.

In der Arktis wäre das Schiff auf sich allein gestellt gewesen. Auf Spitzbergen gibt es nur einen einzigen Helikopter. Und die Schiffe der Küstenwache brauchen für die fast tausend Kilometer lange Strecke von Tromsø nach Longyearbyen 24 Stunden. Die norwegische Seenotrettungszentrale hat deshalb bereits getestet, ob Passagiere eines havarierten Kreuzfahrtschiffes auf eine Eisscholle evakuiert werden könnten. Die Antwort: Nein, dort wäre es viel zu kalt.

Am Polarmeer unter Palmen

Das war nicht immer so. Einst wäre das Polarmeer der ideale Ort für einen Badeurlaub gewesen: endlose palmengeschmückte Strände und lauwarmes Wasser. Der Beleg, dass es so war, lagert im gut gekühlten Bohrkernlager des Marum Forschungsinstituts in Bremen. Der Bohrkern stammt aus dem Boden des Polarmeers, nur 250 Kilometer vom Nordpol entfernt. Der plötzliche Temperatursprung hat dort vor rund 55 Millionen Jahren stattgefunden, zehn Jahre nach dem Aussterben der Dinosaurier.

Rund tausend Jahre hat der abrupte Wechsel vom Eismeer zum tropischen Ozean damals gedauert, angetrieben von der Freisetzung riesiger Mengen des Treibhausgases Methan aus aufgetauten Permafrostböden. Für den menschengemachten Klimawandel lässt das nichts Gutes ahnen. Denn heute verläuft der Temperaturanstieg in der Arktis weit schneller als damals.

Rohstoffboom in der Arktis?

Nicht überall geht der Trend zu wachsender Rohstoffausbeutung - in Spitzbergen ist eher das Gegenteil zu beobachten.

1906 wurde in Spitzbergen - in Longyearbyen - das nördlichste Kohlebergwerk der Welt eröffnet. 2016 musste es wegen Unrentabilität schließen. Das gleiche wird wohl bald mit der Kohleförderung geschehen, die ein russisches Unternehmen 50 Kilometer entfernt betreibt. Auch eine Eisenerzmine, die an der Nordwestküste Grönlands bereits in Bau war, wurde inzwischen aufgegeben.

Zu niedrig sind derzeit die Rohstoffpreise – und zu hoch die Produktionskosten in der abgelegenen und unwirtlichen Arktis.

Alte Kohlenmine in Longyearbyen, Norwegen (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / Mary Evans Pi -)
Alte Kohlenmine in Longyearbyen, Norwegen picture alliance / Mary Evans Pi -
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