Gespräch

Antisemitismusbeauftragter Blume: Die Welt taumelt auf einen Abgrund zu

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INTERVIEW
Astrid Tauch

Der Antisemitismusbeauftragte von Baden-Württemberg, Michael Blume, beklagt nach dem schweren Angriff der palästinensischen Terrororganisation Hamas auf Israel die Haltung vieler Musliminnen und Muslime in Deutschland.

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Antisemitismus unter den Muslim*innen

Michael Blume beklagt in SWR2, dass die muslimischen Verbände in Deutschland den Angriff der terroristischen Hamas auf Israel indirekt rechtfertigen würden, indem sie ihn als Gegenwehr darstellten. „Dabei hat Israel den Gazastreifen geräumt und hat dort alle Siedlungen aufgelöst! Das stärkt jetzt die, die sagen: Das war ein Fehler!“

Es gehe nicht, dass man in Deutschland lebe und Antisemitismus predige, sagt Blume mit Blick auf die Musliminnen und Muslime im Land. Sehr viele seien antisemitisch, glaubten an eine jüdische Weltverschwörung.

„Redet miteinander!“

Geschürt würde diese Haltung von Iran und Russland. Letztlich könne das dazu führen, dass unsere liberale Demokratie im Kern gespalten werde.

Deshalb, so der Appell von Blume: „Geht aufeinander zu, redet miteinander, weint miteinander, lasst eure Gefühle zu! Entweder wir lernen, in Frieden miteinander zu leben, oder es zerreißt unsere demokratische Gesellschaft!“

Hamas-Angriffe auf Israel

Forum Terror gegen Israel – Droht ein Flächenbrand im Nahen Osten?

Martin Durm diskutiert mit
Dr. Jochen Hippler, Nahost-Experte
Dr. Bente Scheller, Böll-Stiftung Berlin
Prof. Dr. Michael Wolffsohn, Historiker und Publizist

SWR2 Forum SWR2

Tagesgespräch Nahost-Experte Michael Lüders zu Israel: "Der Westen hat Anteil daran“

Die israelische Regierung schlägt gegen die Hamas-Angriffe zurück – unter anderem lässt sie gerade weder Strom noch Lebensmittel in den Gazastreifen. Der Nahost-Experte Michael Lüder sieht dieses Vorgehen im SWR-Tagesgespräch kritisch. "Das Ganze ist problematisch, denn es ist die Verhängung einer Kollektivstrafe – und die ist völkerrechtlich ein Kriegsverbrechen", so Lüders. Emotional sei der Wunsch Israels nach Vergeltung nachvollziehbar, aber hier würden alle Menschen im Gazastreifen von den Vergeltungsmaßnahmen erfasst. Das sei falsch und werde den Widerstandsgeist der Palästinenser nicht brechen.
Lüders spricht von einer "Quittung für eine völlig verfehlte Polik". "Die Menschen im Gazastreifen sind vollständig abhängig von Israel und den Entscheidungen der Regierung, sie haben wenig Perspektive. Und über Jahre und Jahrzehnte kocht dort die Wut hoch und das ist jetzt explodiert", meint Lüders. Daran habe auch der Westen seinen Anteil, denn er hat nichts gegen die Situation der Palästinenser unternehmen, so der Nahost-Experte im Gespräch mit SWR2 Aktuell-Moderator Florian Rudolph.

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Aktuelle Antisemitismus-Debatten

Zeitgenossen Meron Mendel: „Mein Ziel ist, dass wir alle vorurteilsbewusst werden.“

„Dass die Künstler aus dem globalen Süden uns provozieren, ist an sich nicht zu kritisieren“, sagt Meron Mendel, der Leiter der Bildungsstätte Anne Frank Frankfurt. Rund um die Antisemitismusvorwürfe gegen die diesjährige Documenta hat sich der Publizist, Historiker und Pädagoge unermüdlich für den Dialog eingesetzt. Ohne Erfolg.

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Gespräch Max Czollek: „Fall Aiwanger zeigt die Kontinuität von Antisemitismus in Deutschland“

Die Diskussion um Hubert Aiwanger würde so geführt, als sei das Flugblatt eine Jugendsünde „und damit entschuldigt“, anstatt den Antisemitismus anzuprangern.

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Zeitgenossen Saba-Nur Cheema: „Sensibilisierung für Rassismus und Antisemitismus hat zugenommen.“

„In einer pluralistischen Gesellschaft kommt es darauf an, die Widersprüche und die Mehrdeutigkeit auszuhalten“, sagt die Politikwissenschaftlerin Saba-Nur Cheema. Die Tochter muslimisch-pakistanischer Eltern ist als Geflüchtete nach Deutschland gekommen. Heute lehrt sie an der Frankfurt University of Applied Sciences und ist als Referentin an der Anne-Frank Bildungsstätte aktiv.

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Tagesgespräch BW-Beauftragter gegen Antisemitismus: "Nur Ungebildete sind antisemitisch? Das ist Schwachsinn!"

Die gute Nachricht: Mit mehr als 650 Schulen hat der diesjährige Anne-Frank-Gedenktag einen Teilnahme-Rekord aufgestellt. Die schlechte: Antisemitismus nimmt aktuell wieder zu – auch oder sogar gerade in Schulen, wie Michael Blume berichtet, Beauftragter der baden-württembergischen Landesregierung gegen Antisemitismus. Das reiche von gedankenlosen Bemerkungen bis hin zu handfesten Beleidigungen – und längst nicht nur von Schülerinnen und Schülern, sondern immer wieder auch von Lehrkräften. Generell käme Judenfeindlichkeit in allen Bildungsschichten vor, betont Blume im SWR2 Tagesgespräch. "Ich darf an die Documenta erinnern, wo wir das ja auch im Kunstbereich gesehen haben. Also die Vorstellung, Antisemitismus komme nur bei armen, zugewanderten Menschen mit niedriger formaler Bildung vor, das stimmt überhaupt nicht." Erfreulich sei wiederum "das riesige Interesse" an entsprechenden Fortbildungen für Lehrkräfte. Deren Wunsch, kompetenter mit dem wachsenden Antisemitismus in der Schule umgehen zu können, sei groß: "Weil die eben auch sagen, dass das so nicht weiter geht, wir können doch nicht ewig diesen Antisemitismus immer wiederkehren lassen."

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