Bernd Gäbler über seine Studie für die Otto-Brenner-Stiftung Medien weniger naiv gegenüber der AfD

Die Medien lassen sich von der AfD nicht mehr so leicht als PR-Agenten einspannen, so die Bilanz von Bernd Gäbler zu seiner neuen Studie "AfD und Medien". Subjektive Berichterstattung und fehlende Recherchen zu den Einfluss-Netzwerken der Partei spielten der AfD jedoch weiter in die Karten, so Gäbler in SWR2. Der Medienwissenschaftler hat heute seine im Auftrag der Otto-Brenner-Stiftung verfasste Studie in Berlin vorgestellt.

Medien springen nicht mehr über jedes Stöckchen der AfD

Die Bilanz von Bernd Gäbler zur Berichterstattung über die AfD fällt gemischt aus. Einiges sei besser geworden, so der Medienbeobachter und Professor für Journalismus in Bielefeld im Gespräch mit SWR2.

So würden die Medien nicht mehr über jedes Stöckchen springen, das ihnen die AfD hinhalte, um in die Medien zu kommen. "Es gibt stärkeres Bestreben, nicht zum unfreiwilligen PR-Agenten der AfD zu werden und ihr die Öffentlichkeit zu bieten, die sie sucht", so Gäbler.

Bernd Gäbler, deutscher Journalist und Autor von Medienthemen, ehemaliger Geschaeftsfuehrer des Adolf-Grimme-Instituts, aufgenommen am 23.11.2011 in Mainz. (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - Foto: Erwin Elsner)
Prof. Bernd Gäbler, Autor der Studie "AfD und Medien" der Otto-Brenner-Stiftung, ehemaliger Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts. picture-alliance / dpa - Foto: Erwin Elsner

Wie gelingt es der AfD, Einfluss zu organisieren?

Inzwischen gebe es auch gute Recherchen über die Querverbindungen der AfD "in die neurechte und rechtsradikale Szene", auch über Parteifinanzen wie im Falle mutmaßlich illegaler Parteispenden. "Was mir noch ein bisschen fehlt", so Gäbler, "ist die Recherche zu der Frage, wie es der AfD gelingt, Einfluss zu organisieren."

Er frage sich, wie es beispielsweise dem sachsen-anhaltischen Ex-AfD-Vorsitzenden André Poggenburg gelungen sei, mit den Landtagsstimmen der CDU zum Vorsitzenden der Enquete-Kommission des Landtags zum Linksradikalismus zu werden. Bernd Gäbler: "Wie funktioniert so etwas?".

Experte Werner Patzelt "fingert ganz schön in der AfD mit rum"

Unverändert würden viele Radiosender den Politikwissenschaftler Werner Patzelt als vermeintlich unabhängigen Experten zum Thema AfD interviewen. "Der fingert aber ganz schön in der AfD mit rum", bilanziert Bernd Gäbler. "Er ist beispielsweise der Anführer der Petition gegen Frau Merkel zu den Chemnitzer Unruhen. Diesen Einfluss-Netzwerken müsste man noch genauer auf die Schliche kommen."

Subjektiver Journalismus spielt AfD in die Karten

Nach wie vor gebe es deutliche Schwächen in der AfD-Berichterstattung, beobachtet der Medienwissenschaftler. In die Karten spiele der Partei beispielsweise eine allgemein zu beobachtende subjektivierende Berichterstattung, gerade in jüngeren Medien, wo viel in der Ich-Form berichtet werde und vor allem Befindlichkeiten geschildert würden. "Das ist eine Berichterstattung, die sich leider häuft und meist nicht zur Klärung beiträgt, außer zu sagen: Ich finde es aber anders."

Anstelle der Piraten ist AfD die erste Internet-Partei

Gerade im Internet sei der Erfolg der AfD unverändert groß. Bernd Gäbler: "Ich gehe so weit zu sagen, dass aus der AfD das geworden ist, was die Piraten immer sein wollten, nämlich die erste Internet-Partei. Das liegt daran, dass sie die eigenen Kanäle einer erregten Teil-Öffentlichkeit nutzen sowie bestimmte Effekte, die in diesem Medium angelegt sind. Zum Beispiel ein Schmetterlingseffekt: Aus einer Kleinigkeit kann man sehr viele Wellen schlagen."

Scheinriesentum der AfD im Internet

Es gebe eine Art Scheinriesentum, das von besonderer Aktivität herrühre. "Wenn man sich die Facebook-Rankings bestimmter Politiker anschaut, könnte man denken, Alice Weidel oder Jörg Meuthen seien die wichtigsten Politiker in unserem Land, weil sie in den Rankings sehr hoch liegen", analysiert Bernd Gäbler. "Das liegt einfach daran, dass es einen Aktivismus der immer wieder Selbstbestätigung suchenden Anhänger gibt, und das ist natürlich nichts anderes als eine Teilöffentlichkeit. Davon darf man sich nicht irritieren lassen, erst recht nicht als Journalist, der darauf reagieren will."

Bernd Gäbler: AfD braucht Mobilisierungserfolg der Rechtsaußen

Was Gäbler besonders stört: Das "grundsätzliche" Problem der Verwischung zwischen Internet-Mobilisierung und radikalen Tendenzen in der AfD werde nicht klar genug gesehen. Nationalismus sei in Deutschland fast immer ein Steigbügelhalter für noch extremere, rechte Tendenzen gewesen. Genau deshalb müsse die AfD eigentlich eine klare Grenzlinie zu rechtsextremen Kräften ziehen, tue dies aber nicht, "weil sie den Mobilisierungserfolg der Rechtsaußen braucht, auf die Straße angewiesen ist, die immer wieder mobilisiert werden kann".

Es bleibt nichts, als den rationalen Diskurs zu suchen

An den Empfehlungen für den Umgang der Medien mit der AfD hat sich aus Sicht von Bernd Gäbler wenig geändert: "Es bleibt gar nichts anderes übrig, als selbst den rationalen Diskurs zu suchen, das sachliche Argument, nicht zurückschimpfen, ruhig bleiben. Oder wie es Michelle Obama einmal formuliert hat: When they go low, we go high. Selbst kulturvoll, zivilisiert zu streiten, das ist die Essenz für die demokratische Öffentlichkeit - etwas anderes geht nicht."

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