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8.4.1971: Roma demonstrieren gegen Diskriminierung

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Martina Senghas

Der Welt-Roma-Kongress in London war der Startschuss einer internationalen Bürgerrechtsbewegung. Sinti*zze und Rom*nja wollten nicht länger als „Zigeuner“ diskriminiert werden. Daraus entsteht der internationale Roma-Tag am 8. April.

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Der World Roma Congress 1971 sammelt die Aktivisti*innen

„Gelem, Gelem“ singt Rromano Dives – die Melodie gehörte früher zu einem Liebeslied bevor sie 1971 zur internationalen Roma-Hymne erklärt wurde. „Jetzt ist die Zeit, steht auf Roma, jetzt“ — heißt es in dem neuen Text. Und: „Wir steigen hoch, wenn wir handeln.“

Neben der Hymne wurde auf dem Welt-Roma-Kongress am 8. April 1971 in London eine Roma-Flagge vorgestellt. „Es war der Startschuss einer Bürgerrechtsbewegung, die man vielleicht mit dem Schlagwort umschreiben könnte: aus dem Schatten heraustreten“, erklärt Frank Reuter, Historiker an der Heidelberger Forschungsstelle Antiziganismus.

Gelem gelem — Rromani Dives

Der Kampf für die Anerkennung der Selbstbezeichnung

Weg vom Platz am Rande der Gesellschaft und als vollwertiger Teil anerkannt werden, darum geht es der Bewegung bis heute. Eines der Ziele war es, den Begriff „Zigeuner“ loszuwerden. Und ihn durch die Eigenbezeichnung Sinti und Roma zu ersetzen.

„Das war ein ganz zentraler Schritt“, so Reuter, „weil: Es geht hier ja nicht nur um Worte. Daran hängt ja eine komplette Ideologie. Sie können den Zigeunerbegriff im Grunde nicht wertneutral verwenden. Er ist derart über die Jahrhunderte aufgeladen mit Assoziationen. In dem Moment, wo Sie das Wort hören öffnen sich in Ihrem Gehirn Fenster und es scheinen Bilder auf, die Sie gar nicht beeinflussen können.“

Etwa das Wort „Abschaum“, das noch Anfang der 1980er Jahre im Synonymduden beim Wort „Zigeuner“ vorgeschlagen wurde als Synonym.

Lange Geschichte von rassistischer Verfolgung

Sinti und Roma begehen am Sonntag (08.04.2012) in Berlin den Internationalen Tag der Sinti und Roma mit ihrer eigenen Flagge (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / dpa | Maurizio Gambarini)
Das Blau in der oberen Hälfte und das Grün in der unteren Hälfte stehen für den Himmel und die Erde. In der Mitte der Flagge sieht man ein rotes Chakra (Speichenrad) — in Bezug auf die indische Herkunft der Roma. picture alliance / dpa | Maurizio Gambarini

Verfolgung und Diskriminierung haben eine lange Geschichte. Forschungen zeigen, dass sie sich ab dem 16. Jahrhundert verfestigt haben, als in Europa die Nationalstaaten stärker wurden — ausgerichtet auf die Kontrolle des eigenen Territoriums und der eigenen Bevölkerung. Diese Kontrolle über das nationale Volk funktionierte vor allem durch Abgrenzung: „Der Zigeuner als Antithese zur europäischen Zivilisation. Der Unzivilisierte, der Primitive“, sagt Reuter.

Das sei der Kern, was diese antiziganistische Vorurteilsstruktur ausmache: Wie man immer wieder diese Antibilder brauche, um sich der eigenen Überlegenheit zu vergewissern, erklärt der Historiker: „Und das war schon immer so in der Geschichte, dass Feindbilder dazu genutzt wurden, gesellschaftliche Widersprüche zu kompensieren.“

Komplexe aktuelle Lebenswirklichkeit

Während des Nationalsozialismus gipfelte die Ausgrenzung in einem Völkermord, dem allein in Deutschland drei Viertel der sogenannten „Zigeuner“ zum Opfer fielen. Die aktuelle Lebenswirklichkeit der Sinti und Roma ist komplex. Viele führen ein bürgerliches Leben, bleiben aber nach all den traumatischen Erfahrungen der Vergangenheit lieber im Verborgenen. Und ins Blicklicht geraten die, die aus Furcht vor der Armut ihre Heimatländer verlassen.

Ein Riesenproblem, laut Reuter, dass der mediale Fokus auf diese Minderheit fast ausschließlich von diesem Thema dominiert wird. Denn es greifen wieder die alten Mechanismen. Und es wird wieder etwas zu einem ethnischen Problem gemacht, was ein soziales Problem ist. Der Welt-Roma-Tag – heute am 8. April gegen Vorurteile und Rassismus hat immer noch seine Berechtigung

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Zwar hätten Wortführer von Sinti und Roma bereits kurz nach dem Untergang des NS-Regimes versucht, durch einen Verein ihren Anliegen Gehör zu verschaffen, doch dies sei gescheitert.
Erst Ende der 1960er-Jahre habe sich die Lage verbessert - nicht zuletzt durch einen Generationswechsel bei den Überlebenden. "Die Kinder der Überlebenden haben dafür gesorgt, dass ihren Eltern Gerechtigkeit widerfährt", so Gress wörtlich. Den Durchbruch in der öffentlichen Wahrnehmung habe ein Hungerstreik in der KZ-Gedenkstätte Dachau gebracht.
Als Völkermord anerkannt werde der Tod von mehreren hunderttausend Sinti und Roma in den KZ jedoch erst seit 1982 durch den damaligen Bundeskanzler Schmidt (SPD). Die Expertin nennt "verspätete Anerkennung" als charakterisierendes Schlagwort für den Umgang mit dem Tatgeschehen. Das sei auch heute noch so. Die Ampel-Koalition in Berlin habe zum Beispiel erst vor wenigen Wochen einen Bundesbeauftragten für Antitziganismus ernannt: "Im Bereich des Antisemitismus haben wir eine solche Figur schon seit Jahren."
Unkenntnis und Nachholbedarf gebe es indes weiterhin auch in der Forschung. "Es ist immer noch sehr wenig bekannt über die Kontinuitäten des Antitziganismus nach 1945", stellt Gress fest.
Daniela Gress hat in Stuttgart und in Heidelberg Geschichte und Kulturarbeit studiert. Ihre Master-Arbeit "Lasst uns unser Recht einfordern" beschäftigt sich mit den Anfängen der Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma in Deutschlands. Sie arbeitet seit 2017 an der Forschungsstelle Antitziganismus der Universität Heidelberg.  mehr...

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