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Am 27. Januar 1945 wurde das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau befreit, in dem mehr als eine Million Menschen ermordet wurden. Lange hat die deutsche Justiz die Verurteilung der Täter des Holocaust auf die lange Bank geschoben. Auch deshalb ermittelt die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg bis heute. Wie sehen die heutigen Ermittler*innen ihre Arbeit? Ein Besuch vor Ort.

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Mord verjährt nicht

Arbeit gibt es in Ludwigsburg genug zu tun, auch gut 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs. „Mord verjährt nicht, das heißt, lebende Täter, die eines Mordes verdächtigt sind, sind von Amtswegen zu verfolgen“, sagt Thomas Will, der Leiter der Zentralen Stelle.

Hier in Ludwigsburg wurden so einige Tatverdächtige der NS-Zeit verfolgt. Davon zeugen die mehr als 1,75 Millionen Karteikarten, die im Archiv lagern.

Landesjustizverwaltungen (Foto: SWR, Cordelia Marsch)
Im ehemaligen Frauengefängnis im baden-württembergischen Ludwigsburg wird seit über 60 Jahren Geschichte geschrieben. Hier ist die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen untergebracht. Cordelia Marsch Bild in Detailansicht öffnen
Oberstaatsanwalt Thomas Will leitet die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen, die 1958 als Vorermittlungsbehörde der Länder gegründet wurde. Cordelia Marsch Bild in Detailansicht öffnen
Die Verurteilung von John Demjanjuk im Jahr 2011 wegen Mordes in mehr als 28.000 Fällen war ein Erfolgserlebnis. Cordelia Marsch Bild in Detailansicht öffnen

Will zückt die Karteikarte von John Demjanjuk, der 2011 vom Landgericht München verurteilt wurde, wegen Beihilfe zum Mord in mehr als 28.000 Fällen. Ein Erfolgserlebnis für die Zentrale Stelle.

Erfolge vor dem Bundesgerichtshof

Ebenso erfolgreich sei das Verfahren gegen den Auschwitz-Buchhalter Oskar Gröning gewesen, sagt Will: „Im Verfahren Gröning 2015 haben wir das Urteil bekommen mit unserer Argumentation, dass in Zeiten systematischer Tötungen schon die allgemeine Hilfeleistung strafbar ist. Das war für uns eine ganz wichtige Entscheidung, die vom Bundesgerichtshof bestätigt worden ist.“

Seit dem Urteil im Fall Demjanjuk überprüft die Zentrale Stelle in Ludwigsburg nochmal die Konzentrationslager und konnte zigtausende weitere Tatverdächtige feststellen. Wenn es gut läuft, könnten sie in Ludwigsburg noch hunderte lebende Tatverdächtige ausfindig machen.

Die Täter zur Verantwortung ziehen

Ein Dutzend Verfahren könnten in den nächsten Monaten bereits an die Staatsanwaltschaften weitergeleitet werden.

„Eine totalitäre Gesellschaft, in der staatlich verordnete Verbrechen begangen worden sind, bildet keine Gewähr für Täter, sich dahinter bis in alle Zeiten ihres Lebens verstecken zu können.“

Thomas Will, Oberstaatsanwalt und Leiter der Zentralen Stelle

Die Arbeit der Zentralen Stelle leistet neben dem wichtigen Beitrag zur Aufklärung der NS-Verbrechen auch einen Beitrag für die Demokratie.

„Wichtig ist, dass wir daraus lernen können, dass eine Gesellschaft, die totalitär war, in der staatlich verordnete Verbrechen begangen worden sind, keine Gewähr für Täter bildet, sich dahinter verstecken zu können bis in alle Zeiten ihres Lebens.“

Quellenarbeit mit Schulklassen

Um das Demokratieverständnis zu stärken, gibt es in der Zentralen Stelle pädagogische Angebote des Bundesarchivs, das hier eine Außenstelle unterhält. Schulklassen verschiedener Jahrgangsstufen können hier mit Quellenmaterial am authentischen Ort arbeiten und die Ermittlungen der Zentralen Stelle nachvollziehen.

Die Zukunft der Zentralen Stelle, wenn einmal alle noch lebenden NS-Täter gestorben sein werden und keine Ermittlungen mehr möglich sind, soll genau in diese Richtung gehen. Ein Erinnerungsort und ein Lernort sind beschlossene Sache. Darauf haben sich die Landesjustizministerinnen und -minister 2015 geeinigt.

Geschichte Holocaust-Gedenktag 2021: Erstarken des Antisemitismus verhindern

Holocaust, Schoah, Porajmos: Der grausamen Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten fielen vor allem Juden und Jüdinnen, Sinti*ze und Rom*nja, Menschen mit Behinderungen und psychisch Kranke zum Opfer. Andere Bevölkerungsgruppen wie Homosexuelle, Zeugen Jehovahs und sogenannte Asoziale und Berufsverbrecher wurden ebenfalls systematisch verfolgt, gequält und ermordet. Ihrer und aller anderen Opfer der Nationalsozialisten – darunter auch politische Gefangene, Zwangsarbeiter*innen und Widerstandskämpfer*innen – wird seit 1996 am 27. Januar in Deutschland gedacht. Der Tag markiert die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee 1945 und ist seit 2005 auch weltweit Gedenktag der Opfer des Holocaust. 2021 steht er in Deutschland außerdem im Kontext des Festjahres „1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“.  mehr...

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