Gespräch

30 Jahre rassistischer Gewaltexzess von Rostock-Lichtenhagen: „Das Pogrom ist nicht vom Himmel gefallen“

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INTERVIEW
Wilm Hüffer

Der Anschlag von Rostock-Lichtenhagen vor 30 Jahren müsse komplexer analysiert werden als bisher. „Das Pogrom ist nicht vom Himmel gefallen“, sagt Dan Thy Nguyen, Autor des Hörspiels „Sonnenblumenhaus“, in SWR2.

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Die Opfer als Protagonist*innen begreifen

Normalerweise würde es als „Wunder“ betrachtet, dass es bei dem Anschlag keine Toten gegeben hatte. Diese Sichtweise werde dem rassistisch motivierten Attentat auf die vietnamesischen Vertragsarbeiter aber nicht gerecht.

Damit bestätige sich vielmehr eine Tendenz, die auch in Hinblick auf andere rassistische Anschläge wie zum Beispiel die NSU-Morde in Deutschland zu beobachten sei, nämlich die Opfer nicht als Protagonist*innen des Geschehens heranzuziehen. „Das ist etwas Gesellschaftliches, was schief läuft“, betonte Thy Nguyen.

Die Kontinuität des Rassismus im wiedervereinten Deutschland

Statt die Geschehnisse von 1992 aufzuarbeiten, seien die vietnamesischen Vertragsarbeiter, die den Anschlag erlebt haben, schlichtweg vergessen worden. Zudem hätten die deutschen Behörden und die Politik ihnen quasi durch die neue Asylgesetzgebung Anfang der 1990er Jahre selber die Schuld in die Schuhe geschoben. „Das Pogrom ist nicht vom Himmel gefallen“, so der Autor des Hörspiels „Sonnenblumenhaus“.

Die rassistischen Kontinuitäten von der DDR bis zum wiedervereinigten Deutschland würden noch immer kaum besprochen. „Die Transformationszeit ist kein Teil eines kollektiven Gedächtnisses“, kritisierte Thy Nguyen in SWR2 am Morgen.

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