„Fakten Fakten Fakten“

Wie das Nachrichtenmagazin „Focus“ vor 30 Jahren dem „Spiegel“ Konkurrenz machte

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AUTOR/IN
Rainer Volk

Vor 30 Jahren lancierte der Offenburger Burda-Verlag das Nachrichtenmagazin „Focus“ als Konkurrenz zum „Spiegel“. Man räumte dem Heft kaum Chancen ein. Doch Chefredakteur Helmut Markwort führte der Branche vor, wie man Fakten verkauft – und bescherte Burda einen märchenhaften Erfolg. Rainer Volk wünscht mit einem Augenzwinkern alles Gute zum Geburtstag.

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Nur Strickmuster bei Burda

Es war einmal ein Verleger in Offenburg, der bekam von seiner Mama einen Verlag geschenkt. Er freute sich aber nur ein bisschen darüber.

Denn Strickmode und Fernsehprogramme nahm die Männerwelt des Verlagswesens nicht ernst. Zudem gab es in Hamburg dieses Nachrichtenmagazin, nach dessen Pfeife in Bonn und Berlin alle tanzten.

Ein Konkurrenzheft zum „Spiegel“

Dort prangten zwischen den Riesen-Stories aus Politik, Wirtschaft und Kultur zudem so viele Werbe-Anzeigen, dass der Verleger aus Offenburg rief: Davon will ich auch welche haben.

Gut, dass er in seinen Blättchen jemanden hatte, der bis dahin seinen Lohn mit viel Lob und ein wenig Kritik am Programm in der Glotze und im Radio verdiente – und das langweilig fand. So trafen sich die beiden.

Der Plan war bei Burda streng geheim

Sie hießen Hubert Burda und Helmut Markwort und zauberten – Gong! – den „Focus“ aus dem Hut.

Nun ja, ganz so märchenhaft einfach war das nicht. In Wahrheit dauerte es zwei Jahre, bis das Konzept stand.

Die Sache war so geheim, dass man sogar einen Tarnnamen brauchte: „Zugmieze“. In Hamburg belächelten sie das Konkurrenzheft nur, das zwischen schwarzem Wald und Schwabing ausgeknobelt worden war.

Helmut Markwort zeigt, wie man Fakten verkauft

Doch Helmut Markwort hatte nicht nur als Journalist, sondern auch als Schauspieler Talent. Er verkaufte nun jahrelang jedes Wochenende in schnell geschnittenen Fernsehspots sein „Fakten Fakten Fakten“-Mantra so gut, dass den Pfeffersäcken in Hamburg ganz bang um ihre schönen Anzeigenerlöse wurde.

Markwort als Ein-Mann-Spiegel-Korrektiv war großes Kino. Der Clou der Spots bestand jedoch in der Hausaufgabe, die er der gesamten Journalisten-Zunft mitgab. Zitat: „Und immer an die Leser denken.“

Das zweite Ass: Ranglisten

Der „Focus“ jedenfalls wurde ein Erfolg, der gigantisch ausuferte, als Burda und Markwort ihr zweites Ass aus dem Ärmel zogen: Ranglisten.

Die 100 Top-Zahnärzte des Landes, die 50 tollsten Reha-Kliniken, die 500 besten Aktienfonds oder die 1000 besten Hausmeister. Danach lechzte die ratlose Leserschaft.

Bis herauskam: Diese TOP-Güte-Siegel gab es zu kaufen. Kann passieren. Die Rangliste der 100 Frauen des Jahres, die der „Focus“ jetzt zu Weihnachten präsentierte, war dennoch, selbstredend, top seriös.

Die besten Zeiten sind vorbei

Auch wenn Helmut Markwort nicht in der Jury saß: Er lässt noch manchmal seine Urgewalt an Talkshow-Stammtischen im Fernsehen aufblitzen.

Im „Focus“-Impressum steht er aber nur mehr als „Gründungs-Chefredakteur“. Vielleicht hat man deshalb – im Vergleich zu den besten Zeiten – zwei Drittel der Auflage verloren.

Influencer*innen konkurrieren ums Geschäft

Nein – das war nicht der Spoiler zum Geburtstag. Es ist nur einfach so: Auch den gewitztesten Ratgebern beim „Focus“ wird im Journalisten-Nachrichtenkarussell heutzutage von Woche zu Woche schwindliger.

Es gibt da nämlich jetzt diese Influencer*Innen, die, geschmeidiger als jede Zeitschrift, fest an ihre Followerinnen und Follower denken.

Deshalb nun: Erstens – Prosit, Kolleginnen und Kollegen! Zweitens der Trost: 30 ist kein Alter. Und drittens ein Appell nach Offenburg: Hubert – der Kampf geht weiter! Natürlich nur um den Anteil am Anzeigen-Kuchen.

Film über Aenne Burda

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