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2,2 Millionen Menschen hoffen auf mehr Verständlichkeit: Internationaler Tag der leichten Sprache

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In Deutschland haben 2,2 Millionen Menschen Anspruch auf leichte Sprache, also auf möglichst einfache und verständliche Ausdrucksweise: Das seien vor allem „Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen und solche, die Kommunikationsbarrieren haben, bedingt beispielsweise durch Krankheiten“, sagt die Sprachwissenschaftlerin Silvia Hansen-Schirra in SWR2.

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Viele Menschen sind auf leichte Sprache angewiesen

Die „sekundäre Gruppe“ derjenigen, die auf leichte Sprache angewiesen seien, sei sogar noch größer, sagt Hansen-Schirra, die an der Uni Mainz Leiterin des „Center for Translation & Cognition“ ist, wo Modelle für leichte Sprache erforscht und entwickelt werden.

Zu dieser Gruppe gehörten Menschen mit Problemen beim Lesen und Schreiben und auch Migrant*innen, „die gerade bei Behörden oder beim Arzt Kommunikationsprobleme haben.“ Insbesondere Behördensprache, medizinische Kommunikation und auch alltagsbezogene Erklärungen von Expert*innenen müssten deshalb noch verständlicher werden, so die Sprachforscherin.

Immer mehr Behörden machen mit

Auch wenn die Behördenstruktur in Deutschland komplizierter sei als in anderen Ländern, gebe es inzwischen deutliche Fortschritte: „Wir verzeichnen immer mehr Texte in leichter Sprache, und wir freuen uns darüber“, erklärt Silvia Hansen-Schirra.

Auch die Forschung selbst sei in Deutschland bereits gut entwickelt — dennoch bleibe viel zu tun. Beipackzettel von Medikamenten, Aufklärungsbögen, auch der bürokratische Aufwand einer Corona-Schutzimpfung seien typische Beispiele für komplizierte Alltagssprache.

Gendern wird zur Gratwanderung

Gendersprache vertrage sich auch nicht gut mit leichter Sprache — insbesondere Sonderzeichen wie das Gender-Sternchen seien für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen schwer zu rezipieren. Außerdem könne die Länge von Texten zum Problem werden.

In solchen Fällen müsse man abwägen, um die Lesemotivation der Zielgruppe nicht zu beeinträchtigen, sagt Hansen-Schirra: „Kann ich hier gendern, macht es den Text nicht zu lang, macht es das Schriftbild nicht zu kompliziert? Das ist eine Gratwanderung.“

Erstmals findet am 27. und 28. Mai 2021 in Mainz eine Konferenz zum Internationalen Tag der leichten Sprache statt. Der Tag ist jedes Jahr am 28. Mai.

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