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Wer am 19.11.1969 ein Ticket für das Spiel des brasilianischen Fußballclubs FC Santos ergattert hatte, wollte Fußballgeschichte bezeugen. Aus der ganzen Welt waren Journalisten nach Rio gereist, um zu sehen, wie die lebende Legende Pelé endlich das 1000. Tor schießen würde.

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Die ganze Welt schaut auf Pelé

Dieses Mal musste es einfach passieren. Das Warten zog sich bereits über drei Spiele. Zuvor war der Wunderstürmer, der sonst auch gerne drei, vier oder sogar fünf Treffer pro Spiel erzielte, wochenlang torlos geblieben.

„Ich wünschte mir so sehr, dass ich endlich dieses verflixte Tor schießen würde, damit ich Ruhe hätte.“

Pelé

So auch im Spiel am 16.11. gegen den Esporte Club aus Salvador de Bahia. In seiner Biographie „My life and the beautiful game“ erinnerte sich Pelé:

„Ich versuchte mein Bestes an diesem Tag, aber dieser wochenlange Druck war nicht ohne Folgen geblieben. Ich war nervös wie ein Jüngling. Ich wünschte mir so sehr, dass ich endlich dieses verflixte Tor schießen würde, damit ich endlich wieder meine Ruhe hätte. Ich sah die schreckliche Vision vor mir, dass ich jahrelang kein Tor mehr schießen würde und immer noch hinter dieser Zahl 1000 herliefe.“

Das verflixte 1000. Tor

Drei Tage später, am 19.11., nimmt Pelé im Maracana-Stadion einen neuen Anlauf. Gegen den Verein Vasco da Gama kommt der Stürmer in der ersten halben Stunde kaum an den Ball, denn der massive Verteidiger Rene bewacht ihn auf Schritt und Tritt.

Doch in einem unbeobachteten Moment zieht Pelé ab. Der Ball zischt Richtung Tor: Die Zuschauerinnen und Zuschauer jubeln, die Fotografen knipsen, doch irgendwie schafft es der Torhüter, den Ball mit den Fingerspitzen über die Latte zu lenken.

Nur wenige Minuten später versucht es Pelé nochmal und trifft die Latte. Den Abpraller will er köpfen, doch sein Gegenspieler Rene ist schneller - Eigentor.

Die Fans beider Mannschaften sind außer sich vor Wut. Will das Tor heute etwa wieder nicht fallen?! In der 78. Minute stürmt Pelé mit dem Ball in Richtung Strafraum. Ein Verteidiger bringt ihn zu Fall. Es gibt Elfmeter.

Die Angst des Weltstars beim Elfmeter

Der Gefoulte will nicht selbst schießen, doch seine Mannschaft streikt. Keiner nähert sich dem Ball. Auch das Publikum fordert lautstark Pelé als Schützen. Also legt sich Pelé den Ball zurecht.

„Im Maracana trat eine ohrenbetäubende Stille ein, auf die die ganze Stadt lauschte“, beschreibt der berühmte brasilianische Dramatiker Nelson Rodrigues die Szene zwei Tage später in seiner Zeitungskolumne. „Im Augenblick des Schusses wurde Pelés Oberschenkel plastisch, elastisch, kraftstrotzend wie die Hinterhand eines Pferdes. Und als Pelé das Tor aus den Angeln hob, erhob sich das Stadion in die Lüfte.“

Der Schuss bringt die Erlösung

Mit einem platzierten Schuss in die rechte untere Ecke hat Pelé sich und das Land erlöst. Er schnappt sich den Ball aus dem leeren Tor und küsst ihn.

Im Stadion brechen alle Dämme. Fotografen und Reporter fluten den Platz. Sie umringen Pelé, strecken ihm Mikros entgegen und tragen ihn auf den Schultern übers Feld. Das Spiel ist für Minuten unterbrochen.

„Die Kommentatoren überschlugen sich und dankten Gott“

Auch außerhalb des Stadions gibt es kein Halten mehr: „Die Glocken läuteten im ganzen Land. Wildfremde Menschen umarmten sich auf der Straße. Die Kommentatoren überschlugen sich und dankten Gott, dass er diesen Wunderkreolen gerade Brasilien und keinem anderen Land geschenkt habe“, berichtet die deutsche Sportschau staunend.

Mit Tränen in den Augen dreht Pelé eine Ehrenrunde durchs Stadion. Auf die Frage, wie er sich nach jenem Spiel gefühlt habe, sagte er später: „Ich fühlte mein Herz schlagen und war froh, dass es nun endlich vorbei war.“

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