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Die Ausstellung „Städels Beckmann – Beckmanns Städel“ zeigt die besondere Beziehung zwischen dem Maler und der Stadt Frankfurt. Nach dem ersten Weltkrieg lebte Max Beckmann dort und entwickelte sich zu dem Künstler, den wir heute kennen. Motive fand er in der Stadt und im eigenen Spiegel: Im Zentrum der Ausstellung steht das „Selbstporträt mit Sektglas“. Vor Kurzem konnte das Städel dieses Gemälde erwerben, das als ein Schlüssel zum Werk Beckmanns gesehen wird.

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Max Beckmann (Foto: SWR, Martina Conrad)
Von der großen Fotografie an der Wand blickt Max Beckmann den Besucher*innen direkt in die Augen. Der Auftakt der Frankfurter Ausstellung zeigt den Maler desillusioniert, schwermütig, Tränensäcke unter den Augen. Martina Conrad Bild in Detailansicht öffnen
Im Zentrum der Ausstellung steht jedoch die jüngste Erwerbung: Beckmanns „Selbstbildnis mit Sektglas“ von 1919, das programmatisch für seine intensive Beschäftigung mit der Gattung des Selbstbildnisses steht. Pressestelle Städelschen Museums Verein e.V., Ernst von Siemens Kunststiftung und BRD Bild in Detailansicht öffnen
Der „Eiserne Steg“, den Max Beckmann 1923 gemalt hat, war eines seiner Lieblingsmotive. Die Stahlbrücke spannt sich über den gefrorenen Fluss, im Hintergrund sieht man über der Häuserfront am Flussufer den Frankfurter Dom. Pressestelle Städel Museum, Frankfurt Bild in Detailansicht öffnen
Die Flanierbrücke verbindet damals wie heute das gutbürgerliche Sachsenhausen mit der Innenstadt. Das Atelier des Künstlers liegt nur 50 Meter vom Eisernen Steg entfernt. Die Brücke ist auch eine Metapher, ein Ort des Übergangs. Die andere Seite des Mains wurde Schauplatz für den großen Grafikzyklus „Die Hölle“. Der Nachhauseweg, aus: Die Hölle, 1919 Pressestelle Städel Museum, Frankfurt Bild in Detailansicht öffnen
„Der Beckmann vor Frankfurt wäre nicht der Weltkünstler geworden. Diese Traumatisierung durch den 1.WK, seine Zeit als Sanitätshelfer in Flandern, hat dazu geführt, dass er gemerkt hat, dass mit den Stilmitteln des Spätimpressionismus unsere heutige Welt nicht mehr darstellbar ist, dass er seinen Stil radikal ändern musste.“ (Alexander Eiling, Kurator am Städelmuseum) Eisgang, 1923 Pressestelle Städel Museum, Frankfurt Bild in Detailansicht öffnen
Die Bilder der Frankfurter Jahre von Max Beckmann waren nie aktueller als heute in der derzeitigen bedrückenden Pandemie-Situation. Gleichzeitig sind sie der Spiegel einer anderen unsicheren, dunklen Zeit, die auch Max Beckmann persönlich traf – er verlor 1933 als „entarteter Künstler“ seine Anstellung an der Städelschule. Ausstellungsansicht im Städel Museum Frankfurt Pressestelle Städel Museum, Frankfurt Bild in Detailansicht öffnen

Das „Selbstporträt mit Sektglas“ zeigt Beckmann mit Zigarre und Glas in der Hand an einer Bar. Hinter ihm ein Mann wie eine Karikatur, fast nur eine Fratze – „ein Kriegsgewinnler“, so Städel-Direktor Philip Demand.

„Und diese Zerrissenheit zwischen den Kriegsgewinnlern und den Kriegsverlierern, das zeigt dieses Bild auf eindrucksvolle Weise.“

Städel-Direktor Philip Demand

Schwer traumatisiert von der Front zurückgekehrt

Neue Forschungen zu dem Gemälde haben ergeben, dass das Motiv wohl im Frankfurter Hof entstanden ist. Dort hat sich Max Beckmann fast jeden Abend eine Flasche Champagner bestellt und sie ganz allein bis auf den letzten Tropfen geleert. Nur so konnte er über Nacht seinen Dämonen entkommen. Denn der Maler kehrte als Sanitäter schwer traumatisiert von der Front zurück.

Das „Selbstporträt mit Sektglas“ ist das Schlüsselwerk Beckmanns

Das Bild ist ein zentraler Schlüssel zum Werk von Max Beckmann. Er überwindet stilistisch den Spätimpressionismus und wird mit seinem neuen Zackenstil, aber vor allem auch mit neuen Themen zum Weltkünstler. Da sind die Frankfurter Motive wie der Dom oder die Synagoge.

Immer wieder malte Max Beckmann den Eisernen Steg über den Main. Für Kurator Alexander Eiling auch ein Symbol: „Er versucht Brücken zu bauen mit seinen Gemälden. … Er ist niemand, der die Welt dokumentiert, er versucht tiefer liegende Sinnschichten zu erreichen, mit seiner Malweise offen zu legen.“

Brücken Frankfurts: Übergang in die Welt der Außenseiter*innen

Die Brücken in Frankfurt waren vor 100 Jahren auch der Übergang von der bürgerlichen Gesellschaft in Sachsenhausen zum Bahnhofsviertel. Hier studierte Beckmann eine Gesellschaft der Außenseiter*innen, des Zwielichts, der Gestrandeten und Emporkömmlinge. Verewigt hat der Künstler diese Zwischenwelt im Grafikzyklus „Die Hölle“.

Max Beckmann (Foto: Pressestelle, Städel Museum, Frankfurt)
Der „Eiserne Steg“, den Max Beckmann 1923 gemalt hat, war eines seiner Lieblingsmotive. Die Stahlbrücke spannt sich über den gefrorenen Fluss, im Hintergrund sieht man über der Häuserfront am Flussufer den Frankfurter Dom. Pressestelle Städel Museum, Frankfurt

1933 von den Nazis als „entartet“ gebrandmarkt

Die Ausstellung im Städel zeigt all das und stellt uns Max Beckmann am Wendepunkt zwischen Kriegselend, Kritik an neuen Großkapitalisten und dem Aufbruch in die 1920er Jahre vor. Ein Weltkünstler, der 1933 — von den Nazis als entartet gebrandmarkt — seine Anstellung an der Städelschule verlor.

Erst vor 4 Monaten wurde das Gemälde „Selbstporträt mit Sektglas“  mit Hilfe zahlreicher Sponsor*innen vom Städel angekauft, darunter auch die Kulturstiftung der Länder.

Frankfurt am Main

Ausstellung Stadt voller Motive – Auf den Spuren von Max Beckmann in Frankfurt

Seit Dezember wartet eine Beckmann-Ausstellung im Frankfurter Städel-Museum auf ihr Publikum — nun ist es endlich soweit. Ab 1915 lebte der im Krieg traumatisierte Maler in Frankfurt am Main. Das Städel-Museum erforscht die hier entstandenen Arbeiten Beckmanns, deren Motive der Künstler oft auf Stadtspaziergängen entdeckte.  mehr...

SWR2 am Morgen SWR2

Gespräch Städel bekommt Beckmann – Selbstbildnis des Künstlers neu in der Sammlung

Das Städel-Museum in Frankfurt am Main hat das 1919 entstandene „Selbstbildnis mit Sektglas“ von Max Beckmann erworben. Es sei ein Schlüsselwerk der Klassischen Moderne und eine Ikone des 20. Jahrhunderts, sagt der Direktor des Museums, Philipp Demandt. Der Ankauf des Gemäldes sei „ein klares Statement für die Kunst und gegen die reine Marktmacht“, sagt Kulturstaatsministerin Monika Grütters.  mehr...

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Kunst Matthias Degott über Max Beckmanns „Abtransport der Sphinxe“

Der katholische Kirchenmusiker und Bezirkskantor Matthias Degott aus Gengenbach bringt Max Beckmanns Ölgemälde „Abtransport der Sphinxe“ aus dem Jahr 1945 in unser „Museum im Kopf“. Degott sieht Parallelen zwischen dem nahenden Ende des Zweiten Weltkriegs und der Hoffnung auf ein Ende der Corona-Pandemie.  mehr...

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