Ausstellung Wie deutsche Maler zeichnen: „Große Realistik und Große Abstraktion“ in Frankfurt

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12:33 Uhr
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SWR2

Das Frankfurter Städel Museum präsentiert Zeichnungen bedeutender deutscher Künstler unter dem Titel „Große Realistik und Große Abstraktion“. Für Kandinsky waren das die großen Pole der künstlerischen Entwicklung im 20. Jahrhundert. Das Städel präsentiert Blätter von Max Beckmann bis Gerhard Richter. Sie zeigen, dass die künstlerische Entwicklung immer auch die Brüche und Widersprüche in der deutschen Geschichte spiegelt. Realismus, Abstraktion und ihre gegenseitige Durchdringung sind bei deutschen Künstlern immer auch ein Stück Politik.

Ausstellung „Große Realistik & große Abstraktion“ im Städel Museum Frankfurt

Ausstellung „Große Realistik & große Abstraktion“ im Städel Museum Frankfurt (Foto: Städel Museum)
Alles beginnt mit großartigen Blättern von Max Beckmann und Ernst Ludwig Kirchner. Kirchners Pastellkreide „Berliner Straßenszene“ von 1914 (Bild) zeigt in dynamischem Strich zwei Kokotten und einen männlichen Passanten, Max Beckmanns Frankfurter Szenen und Porträts sind zumeist in Bleistift gehalten. Städel Museum Bild in Detailansicht öffnen
Beckmann und Kirchner gelten als Hausheilige der Frankfurter Sammlung. Kuratorin Jenny Graser: „Zwei Künstler, die in sehr enger Verbindung standen zu Frankfurt am Main. Max Beckmann hat hier gelebt. Seine Werke wurden früh von Georg Zwarzenski für die Sammlung des Städelschen Kunstinstitutes angekauft. Auch Ernst Ludwig Kirchner hatte einen sehr wichtigen Sammler hier in Frankfurt am Main, Carl Hagemann, der eine große Sammlung expressionistischer Künstler anlegte.“ - Auf dem Bild: Max Beckmann, Bildnis Marie Swarzenski, ca. 1927, Pastell auf Papier, auf Karton gespannt, 520×360 mm (Darstellung), 575×475 mm (Karton), Städel Museum, Frankfurt am Main. Städel Museum / VG Bild-Kunst, Bonn 2019 Bild in Detailansicht öffnen
In den Landschaften aus Davos, Mitte der 1920er Jahre, bricht dann bei Kirchner eine geradezu exotische Farbigkeit durch. Inmitten der expressionistischen Bildsprache von „Brücke“ und „Blauem Reiter“ dann aber immer wieder fast andächtiger Realismus wie bei Erich Heckels Porträt einer schreibenden Frau. - Auf dem Bild: Emil Nolde (1867–1956) Vierwaldstätter See, ca. 1930, Aquarell auf Velin-Japanpapier 340 × 470 mm (Blatt), Städel Museum, Frankfurt am Main. Nolde Stiftung Seebüll / Städel Museum Bild in Detailansicht öffnen
Auch Willi Baumeisters „Sportler in Ruhe“ von 1929, Bleistift und Kohle, bedient sich stilisierter Gegenständlichkeit, um ein neues Ideal des Menschen zu entwerfen. Nach 1945 allerdings ist Figuration verpönt – wegen Nazikunst und Sozialistischem Realismus. - Auf dem Bild: Eugen Schönebeck, Ohne Titel, 1963, Feder in Schwarz auf Velinpapier, 457 mm x 304 mm (Blatt), Städel Museum, Frankfurt am Main. Städel Museum / VG-Bild Kunst, Bonn 2019 Bild in Detailansicht öffnen
Zu Beginn der 1950er Jahre wird Frankfurt mit Künstlern wie Karl Otto Götz oder Bernhard Schultze zum Zentrum einer von Frankreich beeinflussten neuen Abstraktion. Im Informel der Künstlergruppe Quadriga explodieren Formen und Farben. - Auf dem Bild: Karl Otto Götz, Ohne Titel, 1957, Gouache auf weißem Karton, 648 × 500 mm, Städel Museum, Frankfurt am Main. Städel Museum / VG Bild-Kunst, Bonn 2019 Bild in Detailansicht öffnen
„In Reaktion darauf haben sich Künstler der 60er Jahre intensiv mit der deutschen Geschichte auseinandergesetzt und diese auch zum Thema ihrer Kunst gemacht“, so Kuratorin Jenny Graser. „Sie sind wieder zurückgegangen zur Figuration wie Georg Baselitz, Eugen Schönebeck.” Auf dem Bild: Georg Baselitz, Oberon, 1964, Bleistift und Farbstift auf geripptem Büttenpapier, 318 × 256 mm, Städel Museum, Frankfurt am Main. Städel Museum / Georg Baselitz 2019 Bild in Detailansicht öffnen
Markus Lüpertz habe deutsche Motive thematisiert, so die Kuratorin. „Jörg Immendorff hat in seinen Tableaus das Café Deutschland aufgespannt, Anselm Kiefer großformatige Persönlichkeiten der deutschen Geschichte abgebildet.“ - Auf dem Bild: Jörg Immendorf, C. D. Teilbau, 1978, Gouache auf Papier, 412 × 296 mm (Blatt), Städel Museum, Frankfurt am Main. Städel Museum / The Estate of Jörg Immendorff, Courtesy Galerie Michael Werner Märkisch Wilmersdorf, Köln & New York Bild in Detailansicht öffnen
A.R. Penck schließlich habe eine ganz abstrakte eigene Bildsprache entwickelt, um gesellschaftliche Spannungen darzustellen. - Auf dem Bild: A.R. Penck (1939 - 2017), Aquarell auf rauem Velinpapier, 730 x 1020 mm (Blatt), Städel Museum, Frankfurt am Main. VG-Bild Kunst, Bonn 2019 / Städel Museum Bild in Detailansicht öffnen
Bei Johannes Grützke und Anselm Kiefer („Wege der Weltweisheit“, übermalte Holzschnitte von 18 Druckstöcken), wird es dann buchstäblich „groß“: Kiefers Zeichnung von 1978 misst zwei Meter mal drei Meter vierzig, Grützke immerhin einen Quadratmeter. Auf dem Bild: Johannes Grützke (1937–2017), Selbstbildnis, 1979, Pastellkreiden auf braunem Packpapier mit sechs Brandfehlstellen am unteren Rand 1000 × 1070 mm (Blatt), Städel Museum, Frankfurt am Main. Städel Museum / VG Bild-Kunst, Bonn 2019 Bild in Detailansicht öffnen
Aber die Städel-Ausstellung beweist, dass oftmals die kleinen Zeichnungsformate für größere Überraschungen und Energieimpulse sorgen: Blätter der DDR-Künstler Hermann Glöckner, Gerhard Altenbourg oder A.R. Penck. - Auf dem Bild: Gerhard Altenbourg (1926–1989), Marder-Mandorla, 1982–1984, Gouache, Pulverfarbe, Aquarell, Bleistift, chinesische Tusche über Lithographie auf cremefarbenem , Velin-Büttenpapier, 490 × 340 mm (Blatt), Städel Museum, Frankfurt am Main. Städel Museum / Stiftung Gerhard Altenbourg, Altenburg / VG Bild-Kunst, Bonn 2019 Bild in Detailansicht öffnen
Zwei abstrakte Graphitstiftzeichnungen von Gerhard Richter scheinen von gesellschaftlicher Dynamik und Chaos zu erzählen. Kuratorin Jenny Graser: „Zeichnungen von Gerhard Richter, die 1989/90 entstanden sind, zur Wendezeit, also zu einer Zeit, in der es wieder einen großen Umbruch in Deutschland gab. Richter hat diese Stimmung eingefangen, die geprägt war von großer Aufbruchstimmung, aber auch Zusammenfall, also sehr gegensätzliche Tendenzen“. Auf dem Bild: Gerhard Richter, Ohne Titel, 2.11.1989, Grafitstift auf weißem Karton, 210 x 297 mm, Städel Museum, Frankfurt am Main. Gerhard Richter 2019 (27092019) / Städel Museum Bild in Detailansicht öffnen
Realismus und Abstraktion oder ihre Durchdringung, das zeigt die gelungene Frankfurter Ausstellung, sind bei deutschen Künstlern immer auch ein Stück Politik. - Auf dem Bild: Sigmar Polke, Großer Kopf, 1979, Pinsel (Öl-, Acryl- und Wasserfarbe), Schablonentechnik und Scherenschnitt auf Velinpapier, 980 x 680 mm (Blatt). Städel Museum, Frankfurt am Main. The Estate of Sigmar Polke, Cologne / VG-Bild Kunst, 2019 / Städel Museum Bild in Detailansicht öffnen

„Große Realistik und Große Abstraktion. Zeichnungen von Max Beckmann bis Gerhard Richter“. Ausstellung im Städel Museum Frankfurt vom 13. November 2019 bis zum 16. Februar 2020.

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