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90. Geburtstag von Popart-Künstler Andy Warhol Wie Andy Warhol Nastassja Kinski malte

von Patrick Neumann

Andy Warhol zählt zu den bedeutendsten Künstlern der Welt. Am 6. August wäre der Pop-Art-Schöpfer und -Mitbegründer 90 Jahre alt geworden. Bekannt wurden seine Siebdrucke von Hollywoodstars wie Elizabeth Taylor, Marilyn Monroe und Elvis Presley. Als einzige deutsche Schauspielerin porträtierte Warhol in den 1980ern Nastassja Kinski. Sie erinnert sich an ihre Begegnungen mit Andy Warhol im Gespräch mit Patrick Neumann.

Nastassja Kinski begegnet Warhol im Alter von 23 Jahren

Nastassja Kinski war 23 Jahre alt, als sie Andy Warhol erstmals begegnete. Sie hatte gerade den Golden Globe für Polanskis Kinofilm „Tess“ gewonnen. Warhol wollte sie für das Titelbild seines Magazins „Interview“ porträtieren.

Nastassja Kinski erinnert sich genau, wie sie Warhols Atelier, die sogenannte Factory in New York, zum ersten Mal betrat: „Ich ging hin und war zeitig da. Es war niemand da, aber die Tür war offen.

Andy Warhol, Porträt der Schauspielerin Nastassja Kinski von 1983.

Andy Warhol, Porträt Nastassja Kinski, 1984, Acryl auf Leinwand, 127 x 107 cm, Sammlung Bayer AG

Es war ein großes Studio, für mich wie endlos. Da waren auch Spiegel, überall Leinwände, Farben und Pinsel, wirklich so, wie man sich das vorstellt.“

Plötzlich hörte ich eine Stimme: „Komm, komm!“ Und da war er

Die Schauspielerin war irritiert, denn niemand erschien. Sie wollte schon gehen.

„Plötzlich hörte ich eine Stimme von ganz unten. ,Hier bin ich'. Das war meine erste Begegnung: ,I am here'. Das war er. Und er war dort ganz alleine und sagte: ,Komm, komm!', aber ich habe ihn immer noch nicht gesehen. Er war zwischen zwei Leinwänden am Malen und am Arbeiten.“

Warhol porträtiert Kinski zweimal

Das Ergebnis der Begegnung: Nastassja Kinski erschien 1983 auf dem Titel des Warhol-Magazins. Ein zweites Porträt von ihr schuf Warhol wenig später.

Warhols Vorgehensweise war immer gleich, wie er einmal in einem Interview erklärte. Zunächst mache er Fotos, erklärte Warhol, dann vergrößere er sie. Er übermale sie und fertige daraus Siebdrucke.

Andy Warhol war extrem scheu und stammte aus einfachsten Verhältnissen. Seine Eltern waren Auswanderer aus Ungarn. Als Grafiker in der Modebranche katapultierte er sich mit seinen revolutionären Bildern schnell an die Spitze der amerikanischen Kunstszene der 1960er Jahre.

Die Schauspielerin Nastassja Kinski im Hörfunkstudio Baden-Baden im Interview mit SWR-Reporter Patrick Neumann.

Die Schauspielerin Nastassja Kinski im Interview mit SWR2-Reporter Patrick Neumann.

Beeindruckt von der Schönheit der Schauspielerin

Nastassja Kinski hat Andy Warhol öfter getroffen. Auch in seinen Tagebüchern wird sie erwähnt. Warhol schreibt, er sei beeindruckt von ihrer Schönheit und ihrer Vielsprachigkeit.

Sie erlebte Warhol nicht nur in seiner Factory, sondern auch im legendären Studio 54, einer Diskothek, in der die New Yorker Party- und Glamourszene ein- und ausging. Bianca Jagger ritt dort mal auf einem Pferd ein, Michael Jackson ging ein und aus, ebenso Liz Taylor, Truman Capote, Arnold Schwarzenegger und andere.

„Studio 54“ in New York: Dort fand Warhol Zugang zu anderen

Nastassja Kinski glaubt, Studio 54 sei für den scheuen Andy Warhol ein wichtiger Platz gewesen, weil er dort Zugang zu Menschen gefunden habe.

„In der Nacht lässt man die Wände etwas herunter. Da sind Menschen verletzlicher, aber auch offener. Plötzlich sprudelt etwas heraus, was wir tagsüber und unter Stress oft unterdrücken. Diesen Moment zu erleben, in dem sich die Leute öffnen - das war seine Welt.“

Früh hatte Warhol das Prinzip, die Einzigartigkeit von Kunstwerken aufzuheben. Wenn er Bilder schuf, dann oft gleich dutzendfach.

Nicht umsonst nannte er sein Studio Factory, die Fabrik. Auch Warhols Portraits von Nastassja Kinski entstanden mehrfach.

Nastassja Kinski: Produktionswahn war Ausdruck der Großzügigkeit

Das Prinzip, Kunst durch Kopien mehreren Menschen zugänglich zu machen, gefällt ihr bis heute. „Das war wirklich er als Person: diese Großzügigkeit, alle Menschen mitzunehmen, die hinschauen wollten, teilnehmen wollten an seiner Kreation.“

Nastassja Kinski liebt Kunst und begegnet Warhol immer wieder, auch in der aktuellen Kunst. „Besonders zwei kommen mir in den Sinn: Ai Weiwei, der einen großen Bezug zu Andy Warhol hat, und natürlich Banksy, von dem man am Anfang nur dies und jenes am Bürgersteig gesehen hat und nie wusste, wer er war.“

„Er ist immer präsent. Sein Einfluss ist überall“

Andy Warhol war ein gespaltener Mensch. Seine Homosexualität lebte er nie öffentlich aus, dementierte sie aber auch nicht. Er liebte Menschen, konnte aber nicht mit ihnen kommunizieren. Er versteckte sich vor der Welt, indem er eine silbrig schimmernde Perücke aufsetzte und eine dunkle Sonnenbrille trug. Mit nur 59 Jahren starb er 1987 an einer missglückten Gallenblasenoperation.

Nastassja Kinski sagt über Warhol rückblickend: „Er gehört zur Bewegung unserer Zeit, die Freiheit heißt und keine Grenzen kennt. Er war plötzlich da - und dann nie wieder weg. Er ist immer präsent. Sein Einfluss ist überall.“

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