"Luther und die Avantgarde": Ausstellung in Wittenberg und Berlin Erstaunlich sanfte Gegenwartskunst

Kulturthema am 19.5.2017 von Simone Reber

Martin Luther und das Reformationsjubiläum beschäftigen jetzt auch die Gegenwartskunst. "Luther und die Avantgarde" heißt die große Schau an mehreren Ausstellungsorten in Wittenberg, Kassel und Berlin. Es gehe darum, "vielfältige Sichtweisen aus verschiedenen Ländern zu zeigen", sagt Kuratorin Xu Dan von der Bonner Stiftung Kunst und Kultur. Doch die Werke der meisten Künstler seien erstaunlich unkritisch und mutlos, meint Kunstkritikerin Simone Reber. Erfrischende Ausnahme seien die "Sündenbock"-Bilder des britischen Künstlerduos Gilbert&George in Berlin. Die beiden, so Reber, "treiben ziemlich frech ihren Schabernack mit der Religion und scheren sich nicht um politische Korrektheit."

Heterogenität ist Programm

Lautlos wie von Geisterhand geführt zieht der Industrieroboter die Buchstaben mit Kalligraphiefeder und schwarzer Tinte in Schwabacher Lettern über das Papier. Bis zum Ende der Ausstellung soll die Maschine die ganze Bibel geschrieben haben. Die Arbeit des Karlsruher Kollektivs Robotlab führt die physische Leistung der Bibelübersetzung vor Augen. Luthers Umgang mit den Medien, der Schrift, der Sprache und der Druckkunst ist in dieser kaleidoskopischen Schau "Luther und die Avantgarde" ein Anknüpfungspunkt für die zeitgenössischen Künstler. Religion und Freiheit sind weitere Erzählstränge. Für die Kuratorin Xu Dan von der Bonner Stiftung für Kunst und Kultur, die diese Ausstellung initiiert hat, ist die Heterogenität Programm. Es sei wichtig, sagt sie, vielfältige Antworten und Sichtweisen aus unterschiedlichen Ländern zu zeigen, um den Herausforderungen unserer Zeit gerecht zu werden.

Chinesische Schriftzeichen und eine Gedenktafel

Ein Fries mit chinesischen Schriftzeichen begleitet die Besucher durch das Treppenhaus nach oben. Die Künstlerin Jia hat alle Symbole an die Wand geschrieben, die in China seit der Kulturrevolution verboten sind. Die Zeichen korrespondieren rätselhaft mit den eingeritzten Zeitrechnungen der einstigen Häftlinge. Bis Anfang der 60er Jahre war das Wittenberger Gefängnis noch in Betrieb. Für die Ausstellung steht jetzt jedem Künstler eine Einzelzelle zur Verfügung. Luise Schröder recherchierte für ihre Arbeit die Geschichte der jüdischen Schriftgestalterin Elisabeth Friedländer. Weil von den hundert Gedenktafeln in Wittenberg nur vier Frauen gewidmet sind, entwarf sie eine eigene Gedenktafel, die Buchstaben basieren auf Elisabeth Friedländers Entwurf. "Sie war damals eine der wenigen Frauen, die gefragt wurde, eine Schrift zu kreiieren", erklärt die Künstlerin. "Ihr wurde allerdings angeraten im Zuge der Machtübernahme, die Schrift nicht nach ihrem Nachnamen zu benennen, Friedländer, sondern nach ihrem Vornamen, weil man Angst hatte, dass diese Schrift eingeschmolzen wird."

Erstaunlich sanfte unkritische Kunst

Erstaunlich wenig Künstler nähern sich Martin Luther kritisch und knüpfen z.B. an seinen Antisemitismus an. Erfrischend radikal negiert Jonathan Meese jede Religion und fordert die Herrschaft der Kunst:

Jonathan Meese: "Alle Religionen sterben aus, es gibt hunderte, tausende von Religionen, die werden alle untergehen, aber Kunst hat immer überlebt, warum überlebt Kunst und warum gehen Religionen unter. Religionen gehen unter, weil sie gar nicht notwendig sind."

Dennoch wirkt die zeitgenössische Kunst zwischen den dicken Mauern und eisernen Gittern erstaunlich sanft.

Gilbert & George mit Mut zum Widerspruch

Mit viel größerer Wucht tritt das Künstlerduo Gilbert & George im Berliner Teil von "Luther und die Avantgarde" auf. In der Kirche St. Matthäus hängen großformatige Fotomontagen aus der Sündenbock-Serie, die von Widersprüchen in rot und schwarz fast zerfetzt werden. Wie Selbstmordattentäter haben sich die beiden Gentlemen Gaskartuschen an den Anzug geheftet. Jugendliche in ihrer Straße verfallen dem Lachgas oder der Religion.

George: "Wir fühlten uns dafür verantwortlich, uns mit der Religion zu beschäftigen, weil die meisten Avantgarde-Künstler des 20. Jahrhunderts die Religion ignorieren. Sie kommen nur durch ihre Mitarbeiter, ihren Koch oder ihre Putzfrau damit in Berührung. Aber sie selbst sind zu besonders, als dass sie es nötig hätten, zur Kirche zu gehen. Wir finden das zu einfach, denn der Glaube, die Religion, Christus, das ist auf der Straße jeder Stadt in der Welt. Deshalb wollten wir damit umgehen."

Ziemlich frech treiben Gilbert & George ihren Schabernack mit allen Religionen und scheren sich nicht um politische Korrektheit. Ähnlichen Mut zum Widerspruch hätte man sich auch von den Künstlern in Wittenberg gewünscht.

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