Ausstellung

Von Kriegsangst und Kopffüßlern – Kunsthalle Mannheim zeigt „Becoming CoBrA“

STAND
AUTOR/IN
Marie-Domenique Wetzel

Die Mitglieder kamen aus verschiedenen Ländern Europas, der Zweite Weltkrieg war das zentrale Thema ihrer avantgardistischen Kunst: Die Künstler*innen es Kollektivs „CoBrA“ hatten keinen einheitlichen Stil, dafür aber gemeinsame Ideale und die Hoffnung, bald wieder frei und in Frieden leben und arbeiten zu können. Die Mannheimer Kunsthalle widmet ihnen eine Ausstellung.

Audio herunterladen (4 MB | MP3)

Heerups „Kriegsmutter“: Der Schrecken des Kriegs inmitten einer ländlichen Idylle

Auf den ersten Blick wirkt das große, bunte Ölgemälde von Henry Heerup wie eine ländliche Idylle mit fröhlichen Menschen. Wäre da nicht diese übergroße, blutrote Figur im Zentrum des Bildes mit dem Titel „Kriegsmutter“:

„Alles wird dann doch beherrscht von der schrecklichen Kriegsmutter, die mit ihrer Fratze über all dem schwebt“, erklärt Inge Herold, die Kuratorin der Mannheimer Kunsthalle. „Bei genauerem Betrachten sieht man auch zerstörte Häuser. Man sieht einen Friedhof und man sieht einen Jagdbomber, der Bomben abwirft.“

Becoming CoBrA.  (Foto: Pressestelle, © VG Bild-Kunst, Bonn 2022; SMK, National Gallery of Denmark, SMK Photo/Jakob Skou-Hansen)
Eine blutrote Frauengestalt trohnt in einer vermeindlich idyllischen Landschaft. Henry Heerup: Krigsmoderen / Kriegsmutter, 1943, Statens Museum for Kunst, Kopenhagen /Copenhagen Pressestelle © VG Bild-Kunst, Bonn 2022; SMK, National Gallery of Denmark, SMK Photo/Jakob Skou-Hansen

Düster bis infantil: Die Auseinandersetzung mit den Kriegsgräuel wird zum bestimmenden Thema für „CoBra“

Der Krieg bricht 1939 mit aller Gewalt über die Menschen in Europa herein. 1940 wird auch Dänemark von Nazi-Deutschland besetzt, das Heimatland des Künstlers Henry Heerup. Der Krieg ist eines der zentralen Themen der Künstlerinnen und Künstler der Bewegung „CoBra“ und deswegen eröffnet Heerups „Kriegsmutter“ auch diese Ausstellung in der Kunsthalle Mannheim.

Sein niederländischer Künstlerkollege Karel Appel malt ein düsteres, grün schimmerndes Bild einer zerstörten Stadt, von der nur noch einzelne Striche übrig sind und schemenhafte Figuren mit großen, leeren Augen. Er nennt es „Fragende bzw. bettelnde Kinder“.

Doch neben diesen Kriegsbildern gibt es auch viele, die sich bewußt in eine Sagen- und Mythenwelt zurückziehen: die „Fantastischen Tiere“ des Künstlers Konstant, oder der „Minotaurus“ von Max Walter Svanberg. Oder auch die „Kopffüßler-Bilder“ von Karel Appel, die Figuren zeigen, wie kleine Kinder sie oft malen: mit riesigen Köpfen, an denen gleich schon die Beine und Füße anschließen. Auch das war typisch für die Kunst-Bewegung „CoBrA“.

Becoming CoBrA.  (Foto: Pressestelle, © Estate Ferlov Mancoba and Galerie Mikael Andersen, Copenhagen; VG Bild-Kunst, Bonn 2022; Photo: Bent Hesby)
Sonja Ferlov Mancoba: Komposition / Composition, 1938, Kunstmuseum Brandts, Odense Pressestelle © Estate Ferlov Mancoba and Galerie Mikael Andersen, Copenhagen; VG Bild-Kunst, Bonn 2022; Photo: Bent Hesby Bild in Detailansicht öffnen
Else Alfelt: Fossen, Tjuvkil / Wasserfall, Tjuvkil/ Waterfall, Tjuvkil, 1947, Carl-Henning Pedersen & Else Alfelts Museum, Herning Pressestelle © VG Bild-Kunst, Bonn 2022; Photo: Ralf T. Søndergaard Bild in Detailansicht öffnen
Karel Appel; Ohne Titel / Untitled, 1947, Gouache auf Papier, 69,4 x 50 cm, Karel Appel Estate, Amsterdam, Niederlande Pressestelle © Karel Appel Foundation / VG Bild-Kunst, Bonn 2022 Bild in Detailansicht öffnen
Henry Heerup: Døden høster / Der Tod erntet / The Death Reaps, 1943, Louisiana Museum of Modern Art, Humlebæk, Dänemark Pressestelle © VG Bild-Kunst, Bonn 2022 Bild in Detailansicht öffnen
Max Walter Svanberg: Minotaurus, 1946, Moderna Museet Stockholm, Schweden Pressestelle © Max Walter Svanberg Bild in Detailansicht öffnen

Ein solidarisches Künstler*innenbündnis über Landesgrenzen hinweg

Deutlich zu sehen sind die Anklänge an den Expressionismus. Die Künstler- und Künstlerinnen, die sich in den 1940er-Jahren zur Gruppe „CoBrA“ zusammenschlossen, hatten keinen einheitlichen Stil, aber gemeinsame Ideale – und die Hoffnung, bald wieder frei und in Frieden leben und arbeiten zu können.

Einige von ihnen waren Juden und mussten während der Besetzung ihrer Heimatländer durch Nazi-Deutschland untertauchen, andere wurden in Lagern inhaftiert. Aber sie arbeiteten so gut es eben ging künstlerisch weiter und setzten damit ein Zeichen der Hoffnung und des geistigen Widerstands. Wichtig war ihnen dabei auch der Gedanke solidarisch zu sein, auch über Ländergrenzen und unterschiedlichen Kulturen hinweg.

Die Mitglieder der Kunstbewegung stammten nicht nur aus Dänemark, Belgien und den Niederlanden, sondern auch aus Frankreich, Schweden, Ungarn und der Tschechoslowakei. Und sie erprobten neue Formen der Zusammenarbeit und des Kollektivs.

Becoming CoBrA.  (Foto: Pressestelle, © VG Bild-Kunst, Bonn 2022; Photo: Niels Fabæk)
Naiv-kindlich anmutende Ter- und Fabelgestalten wurden von den Künstler*innen von „CoBrA“ bewusst dargestellt, um der Kriegsgräuel andere Bilder entgegenzusetzen. Constant: Fantastische dieren /Fantastische Tiere / Fantastic Animals, 1947, Kunsten Museum of Modern Art Aalborg, Dänemark Pressestelle © VG Bild-Kunst, Bonn 2022; Photo: Niels Fabæk

In Mannheim werden auch die lange übersehenenen Künstlerinnen der Bewegung sichtbar

Die Mannheimer Ausstellung zeigt nicht nur Künstlerinnen und Künstler, die zum harten Kern der Kunst-Bewegung zählen und immer in einem Atemzug mit „CoBrA“ genannt werden: allen voran Asger Jorn und Christian Dotremont.

In der Kunsthalle Mannheim lassen sich jetzt auch Künstlerinnen und Künstler entdecken, die hierzulande noch kaum bekannt sind. So wie zum Beispiel Sonja Ferlov Mancoba, die mit einem schwarzen Südafrikaner verheiratet war und die sich in ihren Werken auch mit dessen Kultur auseinandersetzt. 

Becoming CoBrA.  (Foto: Pressestelle, © Nachlass Zoltán und Madeleine KeménySzemere. Courtesy Kunstmuseum St. Gallen)
Die Mannheimer Ausstellung rückt auch die Künstler*innen von „CoBrA“ ins Zentrum der Betrachtung. Madeleine Kemény-Szemere: Femme et oiseau / Frau und Vogel / Woman and Bird,1946, Privatsammlung Pressestelle © Nachlass Zoltán und Madeleine KeménySzemere. Courtesy Kunstmuseum St. Gallen

Doch die Künstlerinnen hatten es auch in der Kunstbewegung „CoBrA“ schwer und die Kunstgeschichtsschreibung hat viele komplett in den Hintergrund gerückt oder gar ganz vergessen. In der Kunsthalle Mannheim können sie nun wiederentdeckt werden.

Ausstellung „Glitzer und Gift der Zwanzigerjahre“: George Grosz in der Staatsgalerie Stuttgart

Die Welt als seliges Abnormitätenkabinett. So sah und zeigte sie der Künstler George Grosz. In seinen Werken zeigte er die Schrecken des Kriegs, die Verlogenheit, Gier und Brutalität in der jungen, aber fragilen Demokratie der Weimarer Republik. Mit der Ausstellung „Glitzer und Gift der Zwanzigerjahre“ widmet sich die Staatsgalerie Stuttgart dem Berliner Künstler.

SWR2 Journal am Mittag SWR2

Porträt zum 150. Geburtstag Heinrich Vogeler – Worpsweder Jugendstil-Künstler und politischer Aktivist

Jugendstil-Künstler Heinrich Vogeler (1872 - 1942) hat den Mythos von Worpswede mitgeprägt. Er wollte die Welt verbessern. Als ihm die Kunst dafür nicht reichte, wurde er politisch aktiv.

SWR2 Wissen SWR2

Kunst Provenienzforscher Kai Artinger: NS-belastete Kunst in der Villa Reitzenstein Stuttgart

Auf Spurensuche - der Provenienzforscher Kai Artinger vom Kunstmuseum Stuttgart untersucht die Herkunft von Kunstwerken. Aber dabei setzt er sich nicht nur mit NS-Raubkunst oder Beute aus der Kolonialzeit auseinander, auch die Biographien bestimmter Künstlerinnen und Künstler sind zum Teil nach dem 2. Weltkrieg offenbar nur wenig kritisch hinterfragt worden. Sein Verdacht: in der Ahnengalerie der baden-württembergischen Ministerpräsidenten hängen Bilder mit nationalsozialistischer Vergangenheit.

SWR2 Journal am Mittag SWR2

STAND
AUTOR/IN
Marie-Domenique Wetzel