"Ausstellen des Ausstellens" in der Kunsthalle Baden-Baden Von der Lust am Zeigen

Am 2.3.2018 von Christian Gampert

Was heißt eigentlich „Ausstellen“, anderen etwas zeigen? Wie entstand das moderne Museum? Findet die wahre Ausstellung womöglich ganz woanders statt, auf der Straße, im öffentlichen Raum? Die Schau „Ausstellen des Ausstellens“ an der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden will zeigen, dass heute fast jeder Ort in der Stadt zum „temporären Museum“ werden kann.

Mit visuellen Angeboten zugeschüttet

Gleich zu Beginn schüttet die Ausstellung den Besucher mit visuellen Angeboten zu: eine ganze Wand ist mit einer Vielzahl von Öl-Bildern, Skizzen, Stichen, Fotos zugehängt, die alle Ausstellungs-Ansichten bieten.

Von der Rumpelkammer zum "White Cube"

Man kann hier nicht nur lernen, wie sich die Art, Kunst zu präsentieren, seit dem 17. Jahrhundert ständig verändert hat, von der Kunstkammer zum Museum, von der Rumpelkammer zum White Cube. Man ist auch selbst Opfer einer Art „Petersburger Hängung“, also der historischen Unart, Bilder über- und nebeneinander zu zeigen und dem einzelnen Werk so die Luft zum Atmen zu nehmen.

Immerhin kann man da sehen, dass auch der Pariser Salon um 1850 so arbeitete – der Salon der Angepassten, von dem sich die Avantgarde alsbald emanzipierte.

Wie die Ausstellung ständig irgendetwas inszeniert

Die Baden-Badener Schau will uns nun vorführen, dass im Museum ständig etwas inszeniert wird – und wie das geschieht. Und zwar nicht nur durch Vitrinen und Rahmungen, durch ein epochenbedingt gemütliches oder strenges Ambiente.

Der Kurator lässt sich nicht in die Karten schauen

Das heißt, der Kurator Johan Holten müsste sich selbst in die Karten gucken lassen und auch seine eigene Rolle im Kunstbetrieb in Frage stellen. Zum Beispiel als jemand, der allein durch die Auswahl und das Zeigen von Objekten im Museum deren Preise auf dem Kunstmarkt in die Höhe treibt.

Johan Holten im Gespräch mit SWR2

Eine solche Reflexion gibt es in Baden-Baden natürlich nicht oder nur bedingt. Holten ist – zu Recht - völlig begeistert von seiner Idee, das Ausstellen selber zum Thema zu machen. Er bedient sich zur Realisierung des Ganzen aber seiner nun schon gewohnten Methode, dies und das (und oft auch Unzusammenhängendes) zusammenzukehren.

Ideen der Künstler, nicht der Kuratoren

Nach der ersten Überblicks-Wand gibt uns Holten einige meist räumlich inszenierte historische Exempel, ausgehend von dem abstraktem Kabinett des russischen Konstruktivisten El Lissitzky, dessen verschiebbare Wände immer neue Bilder freilegten.

Johan Holten: "In den Recherchen fiel uns auf, dass im 20. Jahrhundert nicht unbedingt die Kuratoren an die Grenzen des Ausstellens gegangen sind, sondern dass die Impulse, wie man Ausstellung neu denken kann, von den Künstlern kamen."

Ausstellung formt den Raum um

Am schönsten ist vielleicht, wie Peggy Guggenheim 1942 mit ihrem Architekten Friedrich Kiesler ihre Sammlung ausstellte. Johan Holten: "Das sind gebogene Wände, das sind Zeitschalter-Uhren, Nieselregen, eine sensorische Erfahrung, die den Raum umformt, in dem dann die surrealistischen Bilder der Guggenheim-Sammlung hängen."

Natur als Kunst

Heute aber kann fast alles Kunst sein, sogar das Vogelgezwitscher draußen im Park – sofern es nicht von echten Vögeln kommt, sondern aus einem Lautsprecher. Dann ist das eine „künstlerische Intervention“.

Einige solcher Versuche, das Museum in die Stadt hinein zu verlängern, führt die Ausstellung vor: die Künstlerin Pae White offeriert aus Marzipan geformte Avocado-Skulpturen in einer Patisserie, Maria Miottke deponiert ein Sanitäterinnen-Outfit in einer Boutique. Rührend.

Lichtentaler Allee (Foto: SWR, SWR -)
SWR -

Das ganze Museum nach draußen transportiert

Einzig Fabian Knecht hat begriffen, dass man gleich das ganze Museum nach draußen transportieren muss: sein White Cube ummantelt in der Lichtentaler Allee den riesigen Stumpf eines gefällten Mammutbaums.

Steht man in diesem weißen Kubus, kommen einem Baum und Rasen völlig künstlich vor, wie ein naturalistisches Bühnenbild. Nach so viel Schnickschnack endlich ein gelungenes Kuratorenkunststück: im Bühnenraum – mein Freund, der Baum.

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