Ausstellung

Viel mehr als toter Asphalt – „Street Life“ im Wilhelm-Hack-Museum Ludwigshafen

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AUTOR/IN
Sandra Biegger
ONLINEFASSUNG
Franziska Kiedaisch

Straßen – wir alle benutzen sie ständig, meist mehr oder weniger gedankenlos. Die Ausstellung „Street Life“ im Wilhelm-Hack-Museum Ludwigshafen will zeigen, dass Straßen nicht nur Verkehrswege sind, sondern auch Bühnen, Lebens- und Kunsträume, Orte des Protests. Präsentiert werden rund 160 Werke aus dem 20. und 21. Jahrhundert – in einem eigens für die Ausstellung aufgebauten abstrakten Straßenlabyrinth im Museum.

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Unterschiedliche Aspekte eines heterogenen Ortes

Ernst Ludwig Kirchner beschäftigte sich intensiv mit dem pulsierenden Großstadtleben, die Fotojournalistin Martha Cooper dokumentiert das Straßenleben von Kindern und Jugendlichen in Manhattan und von Latifa Echakhch wird ein Video über die Aufräumarbeiten nach einer großen politischen Kundgebung in Paris gezeigt.

Die Ausstellung „Street Life“ im Ludwigshafener Wilhelm-Hack-Museum beleuchtet unterschiedlichste Aspekte des höchst heterogenen Ortes Straße – als Spiegel der modernen Gesellschaft, Bühne, Kunstraum und Schauplatz für Proteste. 

Bild aus der Ausstellung Street Life im Wilhelm-Hack-Museum Ludwigshafen (Foto: Volker Huber)
Die Straße als Psychogeografie, in der sich die Befindlichkeiten des modernen Menschen spiegeln. Rudolf Schlichter: Hausvogteiplatz (ca. 1926). Aquarell auf Papier (Sammlung Christina und Volker Huber) Volker Huber Bild in Detailansicht öffnen
Sie wird zum Ort des Vergnügens und Verderbens, heimliche Sehnsüchte und verdrängte Obsessionen werden von Künstler*innen im urbanen Straßenlabyrinth reflektiert. Ernst Ludwig Kirchner: Straße mit Passanten bei Nachtbeleuchtung (1926/27), Öl auf Leinwand (Museum Frieder Burda, Baden-Baden). Museum Frieder Burda, Baden-Baden Bild in Detailansicht öffnen
In den Bildern zeigen sich soziale und politische Konflikte ebenso wie die innere Zerrissenheit des Menschen. George Grosz: Straßenszene, Kurfürstendamm (1925). Öl auf Leinwand (MuseoNacional Thyssen-Bornemisza, Madrid) Wilhelm-Hack-Museum/MuseoNacional Thyssen-Bornemisza Bild in Detailansicht öffnen
Auch Beispiele aus der Straßenfotografie werden in der Ausstellung beleuchtet. Helen Levitt: N.Y. (ca. 1940), Silbergelatineabzug (Galerie Thomas Zander, Köln). Film Documents LLC, courtesy Galerie Thomas Zander, Cologne Bild in Detailansicht öffnen
Bei den sogenannten Graffiti des ungarischen Künstlers Brassaï handelt es sich um Fotografien von eingeritzten Kritzeleien an Pariser Häuserwänden, die an archaische Höhlenmalereien erinnern. Brassaï (Gyula Halász): Le Roi Soleil (ca. 1945–1950), aus der Serie Graffiti (1945–1955), Silbergelatineabzug auf Holz (Centre Pompidou, Musée national d’art moderne/Centre de création industrielle, Paris) bpk | CNAC-MNAM | Estate Brassaï Bild in Detailansicht öffnen
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird der öffentliche Raum zunehmend von Künstler*innen erobert: Häuser, Wände und Fassaden wie auch Passanten werden Teil des Werks. VALIE EXPORT / Peter Weibel: Aus der Mappe der Hundigkeit (1968). Schwarz-Weiß-Fotografie (Sammlung Generali Foundation – Dauerleihgabe am Museum der Moderne, Salzburg) Generali Foundation/Josef Tandl/VALIE/VG Bild-Kunst, Bonn 2022 Bild in Detailansicht öffnen

Ein Straßenlabyrinth im Museum lädt zum Flanieren ein

Für die Ausstellung haben sich die Macher eine besondere Architektur einfallen lassen. Im Museum wurde eine abstrakte urbane Straßenlandschaft aufgebaut.

„Die Idee war tatsächlich, dass wir die Besuchenden gerne animieren wollen, sich ähnlich wie in einer Stadtlandschaft treiben zu lassen, zu flanieren. (...) Es gibt keinen vorgeschriebenen Parcours, und wir fanden, das Bild des Straßenlabyrinthes entspricht dem und das wollten wir entsprechend umsetzen.“

Außerhalb dieser Straßenlandschaft sind Werke zu sehen, die sich mit Landstraßen, Highways und Autobahnen als Symbole für Weite, Freiheit, Fortschritt beschäftigen. 

Street-Art-Projekt „MURALU“ bringt Kunst auf die Straße

Das vom Wilhelm-Hack-Museum initiierte internationale Street-Art-Projekt „MURALU“ erweitert die Ausstellung in den öffentlichen Raum der Stadt. An dem Projekt beteiligen sich sowohl regionale als auch internationale Künstler*innen der Szene, um an ausgewählten Orten in Ludwigshafen Wandgemälde, sogenannte Murals, zu erschaffen.

Eigentlich sollte das Projekt die Ausstellung flankieren. Weil die jedoch wegen Corona und Bauarbeiten auf sich warten ließ, ging „MURALU“ bereits 2018 allein an den Start. 

„Das MURALU-Projekt hat sich blendend entwickelt. (...) Es wächst und hat über die Ausstellung hinaus ein Eigenleben entwickelt.“

MURALU (Foto: SWR, Martina Conrad)
Die Bezeichnung „MURALU“ setzt sich aus dem englischen „Mural“ (Wandgemälde) und „LU“ (Ludwigshafen) zusammen. Hier ein Mural der baskischen Künstlerin Udane Juaristi alias UDATXO (2021). Martina Conrad Bild in Detailansicht öffnen
Der aus Apulien stammende Künstler Agostino Iacurci hat eine kolossale Dattelpalme im Blumentopf über die Hausfassade wachsen lassen. (Agostino Iacurci: Palmen am Rhein, 2021) Martina Conrad Bild in Detailansicht öffnen
Die polnische Künstlerin Natalia Rak setzt in ihrer Bildsprache Frauenfiguren in den Fokus. Im Mural in der Hochfeldstraße badet eine Nymphe in feinem Meissner Porzellan, als wäre sie der Geschichte von Alice im Wunderland entsprungen. (Natalia Rak, Let Forever Be, 2021) Martina Conrad Bild in Detailansicht öffnen
Der Künstler LIMOW (=Living in my own world), der in Murcia und Heidelberg zu Hause ist, hat sich phantasievolle Tierwesen zum Wiedererkennungsmerkmal gemacht. Sein Mural in der Gartenstadt spiegelt eine Traumversion der Umgebung wider. (LIMOW: A Forest: Das Kind, 2020) Pressestelle Stadt Ludwigshafen, Martin Hartmann Bild in Detailansicht öffnen
Das deutsch-österreichische Künstlerduo VIDEO.SCKRE, bestehend aus Julia Heinisch und Frederic Sontag, vereint klassisches "Stylewriting" mit der Erfahrung aus der Bühnenbildnerei. In ihrem Mural in der Hochfeldstraße breiten tropische Merresvögel in einem Geflecht aus exotischen Pflanzen ihre Flügel aus und bringen ein Flair von "Urban Jungle" in die Gartenstadt.(VIDEO.SCKRE, Ohne Titel, 2021) Martina Conrad Bild in Detailansicht öffnen

Vielgestaltige Motive an Ludwigshafener Fassaden

Mittlerweile sind im Rahmen des Projektes bereits zehn Wandgemälde entstanden. Und ein Ende ist nicht absehbar. Den Auftakt machte im Oktober 2018 der US-Amerikaner Augustine Kofie.

Weitere Arbeiten, etwa von Jef Aérosol, Parisko & Blakq oder Video.Sckre, sind außerdem im Ludwigshafener Stadtgebiet zu finden.

Erhellende, unterhaltsame und vielschichtige Schau

Die Ludwigshafener Ausstellung „Street Life“ ist eine Art Kulturgeschichte der Straße. Erhellend, unterhaltsam, vielschichtig, oft auch mit einem Augenzwinkern. Eine Schau, die gute Chancen hat, im Alltag der Besucher nachzuwirken – indem sie das Bewusstsein dafür schärft, worauf wir uns täglich bewegen. 

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