Fotografie

„The art of pinhole photograpy“ - Heidelberger Ausstellung zeigt die künstlerischen Möglichkeiten der Lochkamera

STAND
AUTOR/IN
Eberhard Reuß
ONLINEFASSUNG
Gabriele Heuer

Analoge Fotografie - die gibt es auch noch in Zeiten des Smartphones, sogar in der „Urform“ der „Camera Obscura“. Das sind Lochkameras, also Fotoapparate ohne Linse. Alle drei Jahre zeigt die Ausstellung „The art of pinhole photograpy“ in der Heidelberger HebelHalle zeitgenössische Fotografien, die mit Lochkameras gefertigt wurden.

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Einschusslöcher in einem ausgebombten Hotel als Öffnung für die Kamera

Ein ausgebombtes Hotel in Sarajewo, einst von den Serben erobert und als Stützpunkt genutzt, von den Bosniern angegriffen. Vor drei Jahren hat Marco Mehringer diese Ruine in Sarajewo gesucht und gefunden. Die Einschusslöcher in den Wänden hat der Fotokünstler als Öffnung für seine Lochkamera genutzt. 

Entstanden sind großformatige Fotografien, die schemenhaft und verzerrt Umrisse von Gebäuden und Landschaft erahnen lassen. Belichtungszeit des Negativfilms: zwischen zehn Sekunden und zwei Minuten. Die Größe der Einschusslöcher als Linsenersatz: Kaliber vier Millimeter. Der Künstler selbst beschreibt das Ergebnis als eine Einladung, sich in diese Schusslinie zu begeben und zu erahnen, was dahinter passiert ist.

The art of pinhole photography (Foto: SWR, Eberhard Reuß)
Marco Mehringer hat Einschusslöcher aus einer Hotelruine in Sarajewo als Öffnung für seine Lochkamera verwendet. Eberhard Reuß Bild in Detailansicht öffnen
Das Ergebnis beschreibt der Künstler als eine Einladung, sich in diese Schusslinie zu begeben und zu erahnen, was dahinter passiert ist. Eberhard Reuß Bild in Detailansicht öffnen
Ausschnitt aus einem Landschaftspanorama, das die mexikanische Künstlerin Citlalli González während der Fahrt im Auto mit einer Lochkamera aufgenommen hat Eberhard Reuß Bild in Detailansicht öffnen
Doppelt belichtet - als Gruß in Zeiten von Corona - von Matthias Hagemann Eberhard Reuß Bild in Detailansicht öffnen
Eine der Lochkameras, die Matthias Hagemann an befreundete Fotokünstler verschickt hat. Eberhard Reuß Bild in Detailansicht öffnen
Alexander Endrullat erstellt auf Reisen Papiernegative mit seiner Lochkamera, die er vor Ort entwickelt und als Postkarten verschickt Eberhard Reuß Bild in Detailansicht öffnen
Unscharfe Relikte aus einem US-Kriegsgefangenenlager, 1945 aufgenommen von Wehrmachtsoldat Hermann Fauser – aus dem Nachlass jetzt erstmals zu sehen Eberhard Reuß Bild in Detailansicht öffnen

Mehr Möglichkeiten bei Belichtungszeit und Material

Diese Arbeit ist typisch für die Art und Weise, wie das alte, technisch aufwendige Prinzip der Lochkamera heute in der Kunst zum Einsatz kommt. Mit der Lochkamera hätten die Künstlerinnen und Künstler wesentlich größere Möglichkeiten in der Belichtungszeit und im Material, um ihre Ideen umzusetzen, erläutert Markus Kaesler, selbst Lochkamera-Fotograf und Kurator der Heidelberger Ausstellung.

Die mexikanische Künstlerin Citlalli González verwendet einen Farbnegativfilm und montiert ihre Lochkamera in fahrende Autos oder Züge. Bei zehn bis zwanzig Sekunden Belichtungszeit entstehen riesige Panoramafotos mit langen bunten Horizontlinien. Mehr Gemälde als Foto, eben Landschaften, die das Licht gemalt hat.

The art of pinhole photography (Foto: SWR, Eberhard Reuß)
Ausschnitt aus einem Landschaftspanorama, das die mexikanische Künstlerin Citlalli González während der Fahrt im Auto mit einer Lochkamera aufgenommen hat Eberhard Reuß

Fotografische Besuche per Doppeltbelichtung

Lochkamerakunst kann auch Solidarität in Zeiten von Corona zum Ausdruck bringen. Zu sehen an einer Fotowand mit fünfzig Schwarzweiß-Doppelporträts.

Der Künstler Matthias Hagemann hatte im Corona-Lockdown Lochkameras an befreundete Fotokünstler verschickt. Enthalten war darin bereits ein belichtetes Porträt von Hagemann selbst, als Gruß in Zeiten von Corona. Der Empfänger belichtete es noch einmal mit dem eigenen Porträt. Die Idee dahinter war, dass sich die Künstler so im Lockdown „besuchten“ und in Kontakt blieben.

Lochkamerabilder aus dem US-Kriegsgefangenenlager 1945

Es ist faszinierend, welche Ideen das alte Prinzip der Camera Obscura den digitalen Bilderfluten unserer Gegenwart entgegensetzen kann. Den Reigen der Ausstellung, die mit den Kriegsbildern aus Einschusslöchern in einer Hotelruine in Sarajewo begonnen hat, schließen andere Bilder vom Krieg aus dem Nachlass von Hermann Fauser.

Der Wehrmachtssoldat hat 1945 mit einer selbstgebastelten Lochkamera Fotos in seinem US-Kriegsgefangenenlager gemacht, illegal. Den Erzählungen seines Neffen zufolge hat Fauser sie herausgeschmuggelt.

The art of pinhole photography (Foto: SWR, Eberhard Reuß)
Unscharfe Relikte aus einem US-Kriegsgefangenenlager, 1945 aufgenommen von Wehrmachtsoldat Hermann Fauser – aus dem Nachlass jetzt erstmals zu sehen Eberhard Reuß

So blieben sie über die Jahrzehnte erhalten und sind jetzt erstmals in Heidelberg zu sehen.

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