Denkmalschutz

Tag des offenen Denkmals in Esslingen - Denkmale gibt es nicht nur in der Altstadt zu entdecken

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AUTOR/IN
Tobias Ignée

„KulturSpur. Ein Fall für den Denkmalschutz“ - Unter diesem Motto findet am 11. September der Tag des offenen Denkmals statt. Mit dem Tag will die Deutsche Stiftung Denkmalschutz einladen, sich auf Spurensuche zu begeben, um mehr über Geschichte und Geschichten von Denkmalen zu erfahren. Auch in Esslingen gibt es einiges zu entdecken.

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Esslingens Altstadt wurde während des Zweiten Weltkriegs nur wenig zerstört

Wer sich in Esslingen auf Spurensuche begibt, wird fast an jeder Ecke fündig, denn die Altstadt ist, im Vergleich zu der zehn Kilometer entfernten Stuttgarter Altstadt, während des Zweiten Weltkrieges nur wenig zerstört worden.

Tag des Denkmals Esslingen (Foto: IMAGO, Arnulf Hettrich)
Evangelische Stadtkirche St. Dionys (gotische Basilika aus dem 13. Jahrhundert) Arnulf Hettrich

Auf den Spuren der Renaissance

Zu den wichtigsten mittelalterlichen Wahrzeichen der Stadt gehören die Stadtkirche St. Dionys, die hoch über dem Neckartal thronende sogenannte Burg – einst Teil der Stadtbefestigung, und das alte Rathaus mit seinem markanten Fachwerk und dem roten Farbanstrich. Im 15. Jahrhundert wurde sie als Markt- und Steuerhalle der ehemaligen freien Reichstadt errichtet und später unter anderem vom berühmten württembergischen Baumeister Heinrich Schickhardt veredelt und modernisiert.

Tag des Denkmals Esslingen (Foto: IMAGO, McPHOTO)
Altes Rathaus (ehemals städtisches Kauf- und Steuerhaus) McPHOTO

„Auf der Nordfassade bringt er die Renaissance in die Stadt“, sagt der Denkmalpfleger Andreas Panter über Schickhardts Modernisierung des Gebäudes. „Es gibt einen wunderbaren Renaissancegiebel mit Schweifwerk und mit einem Astrolabium und der Uhr, - ganz moderne Elemente dieser Zeit. Das Uhrwerk von damals konnte reaktiviert werden. Es läuft heute noch ganz wunderbar.“

Steinmetzzeichen an der Stadtbibliothek lassen die Bauphasen erkennen

Weniger spektakulär, aber historisch nicht weniger bedeutend gestaltet sich die Spurensuche in der Webergasse unweit des Marktplatzes: Hier findet man kleine Kerben im hellbraunen Sandsteinmauerwerk der heutigen Stadtbibliothek, dem ehemaligen Pfleghof des Klosters Bebenhausen.

Tag des Denkmals Esslingen (Foto: SWR, Tobias Ignée)
Die Stadtbücherei im Bebenhäuser Pfleghof von Esslingen. Der Bebenhäuser Pfleghof gehörte einst zum Kloster Bebenhausen bei Tübingen und wurde erstmals 1229 genannt. Tobias Ignée

Was für den Laien wie Vandalismus aussieht, sind für den Fachmann Symbole, mit denen sich das Alter des Gemäuers bestimmen lässt. „Das Steinmetzzeichen verweist auf die geleistete Arbeitsleistung eines Steinmetzes“ erläutert Panter. „Sie können bis zu sechs Bauphasen in dieser Sandsteinmauer ablesen anhand eben dieser Steinmetzzeichen“. Diese Spuren der Renaissancezeit zeigten, dass dieses Gebäude um 1500 neu entstanden sei, so Panter.

Verbindungen zwischen Industriebau und neueren Bauwerken an der Sporthalle

Doch der Tag des offenen Denkmals gibt nicht nur Einblicke in das Esslingen des Mittelalters. Auch deutlich später haben Stadtplaner und Architekten beeindruckende Spuren hinterlassen: die Sporthalle des ehemaligen Schelztor-Gymnasiums am Rande der Altstadt etwa. Eine Halle mit einem sogenannten Sheddach oder auch Sägezahndach, das an den Blasebalg einer Ziehharmonika erinnert.

Tag des Denkmals Esslingen (Foto: SWR, Tobias Ignée)
Sheddach-Sporthalle (Turnhalle des ehemaligen Schelztor-Gymnasiums) Tobias Ignée

Eine gelungene Verbindung zwischen dem Industriebau und den gebogenen Beton-Sheddächern, die in den 1950-Jahren eingesetzt wurden: „Das war deutschlandweit wirklich eine Sensation“, sagt der Landeskonservator Martin Hahn.

Landesamt für Denkmalpflege - beispielhaftes Nebeneinander von Historie und Moderne

Erstmals lässt sich auch das Landesamt für Denkmalpflege in die Karten schauen:  alle Fachbereiche bieten Führungen an, geben Einblicke in die Werkstätten und machen die Umnutzung der Behörde erleb- und erkennbar. Denn untergebracht ist das Landesamt standesgemäß in einem denkmalgeschützten mächtigen Backsteinbau, dem früheren Schulgebäude des Schelztor-Gymnasiums, das ursprünglich in den 1990er-Jahren abgerissen werden sollte.

Tag des Denkmals Esslingen (Foto: SWR, Tobias Ignée)
Das Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg in Esslingen (ehemaliges Schelztor-Gymnasium) Tobias Ignée

Heute steht das Gebäude beispielhaft für ein Nebeneinander von Historie und Moderne. So finden sich beispielsweise in der großen Eingangshalle neben moderner Architektur und Technik über 100 Jahre alte Reste von Farbschichten, die aus Respekt vor der Geschichte des Hauses nicht übermalt worden sind. Wie wichtig dieses Nebeneinander von alt und neu ist, auch dafür will der bundesweite Tag des offenen Denkmals sensibilisieren.

Dass sich die Denkmalpflege gerade jetzt den geopolitischen Situationen nicht verschließen könne, räumt auch der oberste Denkmalspfleger Baden-Württembergs Claus Wolf ein. Auch Photovoltaik dürfe in Esslingens Altstadt kein Tabu sein: „Wir können nicht sagen, Denkmalpflege heißt, alles muss so bleiben wie vor 150 Jahren.“  

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Tobias Ignée