Running out of History Eine Videoinszenierung der israelischen Künstlerin Michal Helfman

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Kulturthema am 26.1.2016 von Simone Reber

Die israelische Künstlerin Michal Helfman interessiert sich für die Nachwirkungen von Geschichte auf den einzelnen Menschen und auf die Gegenwart. Ihre jüngste Videoinszenierung: "Running out of history" beschäftigt sich mit der Israeli Flying Aid, einer regierungsfernen Organisation, die undercover Hilfsgüter nach Syrien schmuggelt. Die beiden Länder sind verfeindet seit der israelischen Besetzung der Golanhöhen, die diplomatischen Beziehungen abgebrochen. Zur Israeli Flying Aid gehören auch ehemalige Soldaten, die bei der israelischen Armee gelernt haben, feindliche Grenzen zu überwinden. Michal Helfman ist 1973 in Tel Aviv geboren, sie unterrichtet an der Bezalel Academy of Art and Design in Jerusalem. Heute abend stellt sie Ihre Arbeit in den Berliner Kunstwerken in der Auguststraße der Öffentlichkeit vor. Simone Reber hat "Running out of history" vorab gesehen.

Holzkisten stehen auf der Bühne, dahinter ein Pick-up. Eine Gestalt im Kapuzenpulli steigt aus dem Auto und rollt einen Teppich aus. Die beiden Protagonisten setzen sich einander gegenüber. In ihrer extrem intensiven Videoarbeit "Running out of history" verdichtet die israelische Künstlerin Michal Helfman Politik und Geschichte zu einem sehr persönlichen Moment. In ihrem Film tritt zum ersten Mal überhaupt Gal Lusky an die Öffentlichkeit, die Gründerin der Israeli Flying Aid.

Die Schmuggelwege sollen geheim bleiben. In Syrien arbeitet die Israeli Flying Aid mit Partnern zusammen. Ihnen gegenüber gab sich Gal Lusky als amerikanische Christin aus. In ihrem Video rekonstruiert Michal Helfman nun den Moment, in dem die Aktivistin ihrem syrischen Mithelfer Rassan ihre wahre Identität offenbart. Seine erste Reaktion: Jetzt bin ich ganz allein.

Gal Lusky spielt sich selbst, Rassan kann weder Syrien verlassen, noch nach Israel einreisen. Ein ehrenamtlicher Helfer der Flying Aid mit syrischen Wurzeln spricht seinen Part. Weil sich der Film auf einen Schreckmoment konzentriert und den Dialog wie ein Theaterstück zelebriert, geht er durch Mark und Bein. Plötzlich stehen sich die politischen Freunde als Feinde gegenüber und wiederholen die Drohgebärden ihrer Regierungen.

Lassen sich Denkmuster aus der Vergangenheit aufbrechen, fragt Michal Helfman in ihrem Film. Dafür greift die Künstlerin selbst zu einem subversiven Mittel. Mit 3 D Druckern, die nach Syrien geschmuggelt wurden, um Handprothesen herzustellen, ließ sie Spielwürfel produzieren. Statt Zahlen tragen sie Silben als Aufschrift, die zusammengesetzt die Worte ergeben: We will not forgive. We will not forget. Diese Maxime nach dem Holocaust bestimmt bis heute die israelische Politik. Während des Dialogs sieht man nun immer wieder, wie die einzelnen Silben auf den Würfeln neu gemischt werden.

Freundschaft, Feindschaft, Verrat, Enttäuschung und Wahrheit überschneiden sich in dem Film für einen Moment. Individuelle Haltung kollidiert mit Weltpolitik. "Running out of History". Vielleicht haben die Israelin und der Syrer die Wahl. Sie können dem Zwang der Geschichte entkommen.

"Running out of history", die Videoinszenierung von Michal Helfman ist bis zum 13.3. im KW Institut for Contemporary Art zu sehen, das ist in der Auguststraße 69 in 10117 Berlin, geöffnet ist täglich außer dienstags von 12 – 19 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr.

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