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Steffen Diemer – vom Kriegs- zum Kunstfotografen Die Entschleunigung der Fotografie

Von Franziska Pröll

Jahrelang reiste der Fotograf Steffen Diemer als Kriegsreporter durch Krisengebiete, fotografierte für das Magazin „Spiegel“ in Ägypten und Libyen. Doch der Tod eines Freundes und die Schnelllebigkeit des Geschäfts brachten ihn dazu, nach einer neuen, entschleunigten Arbeitstechnik zu suchen. Die fand er im Kollodium-Nassplatten-Verfahren aus den Pioniertagen der Fotografie. Im pfälzischen Hochdorf-Assenheim hat sich der Fotograf ein Atelier für seine Fotokunst eingerichtet.

In der ehemaligen Dorfbäckerei von Hochdorf-Assenheim, einem 3000-Einwohner-Dorf in der Pfalz, hat sich hat Steffen Diemer sein Atelier eingerichtet, gemeinsam mit seiner Kollegin Hanna Schemel. Hier, in der ländlichen Ruhe, können beide an der Kollodium-Nassplatten-Fotografie zu arbeiten. Diese Technik hat Steffen Diemer bei einem Sonntagsausflug entdeckt – auf dem silbern glänzenden Cover einer Zeitschrift. "Kein Zufall", meint Steffen Diemer. Er glaubt, dass es so etwas wie eine Bestimmung für jeden Menschen gibt.

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Blick ins Atelier von Steffen Diemer

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Steffen Diemer: Nassplatten-Fotografie 42 - "Zimbabwe Skater"

Steffen Diemer: Nassplatten-Fotografie 42 - "Zimbabwe Skater"

Steffen Diemer: Nassplatten-Fotografie 61

Steffen Diemer: Nassplatten-Fotografie - "Licht"

Steffen Diemer: Nassplatten-Fotografie - "Rahel Ruysch"

Blick in Steffen Diemers Atelier im pfälzischen Hochdorf-Assenheim

Steffen Diemers Chemikalien für die Kollodium-Nassplatten-Fotografie

Steffen Diemers Andenken an seine Reisen in Kriegs- und Krisengebiete

Steffen Diemer mit einer äthiopischen Bibel, die er von einem Arbeiter einer Müll-Deponie- in Mek'ele (Äthiopien) geschenkt bekam.

Steffen Diemer zeigt eine Kollogium-Nassplatten-Fotografie in seinem Atelier in Hochdorf-Assenheim.

Der Tod eines Kollegen in Libyen war der Wendepunkt

Zuvor war es seine Bestimmung, durch die Krisengebiete dieser Welt zu reisen. Bis 2011 fotografierte Steffen Diemer für das Magazin "Spiegel" in Ägypten und Libyen. Was er im Arabischen Frühling erlebte, wühlte ihn nachhaltig auf: die politischen Ereignisse, die aufgebrachten Menschenmassen auf dem Tahrir-Platz, das überwältigende Interesse der Medien.

Steffen Diemer störte, dass er als einer von vielen Fotografen ähnliche und austauschbare Bilder machte. Dann musste er in Libyen mit ansehen, wie ein englischer Fotograf – ein Freund und Kollege – von einer Kugel getroffen wurde und starb. Das war der Wendepunkt. Diemer wollte nicht mehr weitermachen wie bisher.

Fotografieren wie anno 1850

Ans Aufhören hat Diemer jedoch nie gedacht, er suchte nach einer neuen fotografischen Ausdrucksform. Die fand er im Kollodium-Nassplatten-Verfahren, das in den 1850er-Jahren modern war. Je intensiver Diemer sich mit den Verfahren beschäftigte, desto mehr faszinierte es ihn. Eine Kollodiummischung wird auf eine Glasplatte aufgetragen und in einem Silberbad lichtempfindlich gemacht. Anschließend wird die präparierte Glasplatte in ein lichtdichtes Kästchen hinter das Kameragehäuse geschoben. Anfangs lief vieles schief, denn die Technik ist kompliziert. Doch Diemer ließ sich nicht entmutigen, tüftelte weiter, kaufte das nötige Material:

  • Zutaten für die Kollodiummischung (Kollodium, Alkohol und Ether)
  • Glasplatten, die mit dem Kollodium bestrichen werden
  • Silber, in das die mit Kollodium beschichteten Glasplatten getaucht werden.

Außerdem lässt sich Steffen Diemer eine sogenannte Balkenkamera anfertigen. So eine große Kamera, wie man die aus den 20er Jahren kennt. Vorne das Objektiv, dann kommt der Balken – wie ein Zylinder, den man zusammenklappen kann oder auseinander.

Steffen Diemer: Chemikalien für Nassplatten-Fotografie

Steffen Diemers Chemikalien für die Kollodium-Nassplatten-Fotografie

Silberne Konturen vor schwarzem Hintergrund

Ein bis drei Tage dauert es, bis eine Fotografie mit der Nassplatte entsteht. Bis zu 65 Zentimeter ist diese groß. Jede Platte ist ein Unikat. Wenn sie nicht kaputt geht, ist sie auch ein Stück Ewigkeit. Das Fotomotiv – silberne Konturen vor schwarzem Hintergrund – ist für immer in die Platte eingebrannt.

Gegenstück zur schnelllebigen Digital-Fotografie

Am liebsten bildet Steffen Diemer Pflanzen ab. Schon als Kind fühlte er sich der Natur verbunden. Sein Onkel betrieb eine Gärtnerei im pfälzischen Kleinkarlbach, seine Mutter war dort angestellt – und an das Haus der Familie Diemer grenzte ein großer Garten. Die Nassplatte ist für Steffen Diemer das Gegenstück zur schnelllebigen Digital-Fotografie, von der er als Kriegsfotograf selbst Gebrauch machte.

Steffen Diemer: Nassplatten-Fotografie

Steffen Diemer: Nassplatten-Fotografie - "Rahel Ruysch"

Glücklich über entschleunigtes Arbeiten

Nun entstehen seine Bilder in Ruhe – nur die Ruhe macht sie überhaupt möglich. „Ich will den Leuten mit meinen Bildern Freude bringen. Dass die ein Bild an der Wand hängen haben, wo sie selbst nach Jahren noch Neues darin entdecken. Und für mich ist dieses entschleunigte Arbeiten ein großer Glücksmoment.“

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