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Londoner Tate Modern zeigt große Giacometti-Retrospektive Spindeldürre Bronzefiguren - Symbol für menschliches Leid

Kulturthema am 10.5.2017 von Stephanie Pieper

Eine Retrospektive mit Skulpturen des Schweizer Bildhauers Alberto Giacometti zeigt die Londoner Tate Modern. Der Künstler lässt sich keiner Kunstrichtung zuordnen, auch wenn er vom Kubismus und Surrealismus beeinflusst wurde. Mit seinen Kunstwerken wollte Giacometti etwas schaffen, das universal ansprechend ist und verstanden wird. Der zweite Weltkrieg lässt seine Figuren immer kleiner und dünner werden: Symbole des menschlichen Leids.

Den menschlichen Kopf abzubilden, die Falten und Furchen des Gesichts zu formen, die in ihren Höhlen liegenden Augen zu modellieren: Das ist eine der Leidenschaften des Alberto Giacometti – und jedes Mal aufs Neue eine Herausforderung für ihn. Der erste Raum dieser Retrospektive versammelt mehr als zwei Dutzend Kopf-Skulpturen des Bildhauers, geschaffen über fünf Jahrzehnte. "Giacometti lässt sich keiner Kunstrichtung zuordnen", sagt Frances Morris, die Direktorin der Tate Modern, "er hat seinen eigenen Stil".

Giacometti will Kunst schaffen, die universal verstanden wird

1901 in der Schweiz geboren, zieht der Sohn eines Malers Anfang der 20er Jahre nach Paris; dort lässt sich Giacometti beeinflussen vom Kubismus und vom Surrealismus, aber nie vereinnahmen. Er ist befreundet mit André Breton und Pablo Picasso sowie mit Samuel Beckett, Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir. Seine frühen Themen sind Sex und der Tod. Giacometti ist aber auch fasziniert von dem, was Kunst über die Jahrhunderte und die Zivilisationen hinweg verbindet. Und er liebt es, verschiedene Materialien mit seinen Händen zu bearbeiten: Holz und Gips, Ton und Terrakotta, sagt Catherine Grenier, Direktorin der Stiftung Giacometti in Paris: "Er war besessen von der Idee, etwas zu erschaffen – eine Kreation, die universal ansprechend ist und verstanden wird. Deshalb mögen so viele Menschen sein Werk, deshalb sind gerade junge Künstler weiter an seinem Schaffen interessiert."

Extrem schlanke Figuren als Sinnbild für das menschliche Leid

Wie herausragend sein handwerkliches Können ist, stellen auch "Die sechs Frauen von Venedig" unter Beweis, ein Höhepunkt dieser Ausstellung. Von Giacometti für die Biennale in Venedig 1956 geschaffen, ist dieses Ensemble extrem schmaler Frauenkörper, geformt aus Gips, hier zum ersten Mal seitdem wiedervereint – und noch dazu extra für diese Schau frisch restauriert, freut sich Kuratorin Morris: "Da unsere Kultur und unser Leben zunehmend digitalisiert sind, ist es wunderbar, etwas Handgefertigtes zu betrachten und zu fühlen. Es gibt ja derzeit eine Renaissance der Handwerkskunst, und Giacometti ist ein Meister seines Fachs."

Während des Zweiten Weltkrieges, den er weitgehend in Genf verbringt, lässt Giacometti in seine immer kleiner werdenden Figuren das menschliche Leid einfließen: Entfremdung, Isolation und Zerbrechlichkeit. Zurück in Paris und inzwischen verheiratet, hat er eines Abends, als er aus dem Kino kommt, eine Art Erleuchtung: eine veränderte Wahrnehmung der Realität. Erst danach entstehen Giacomettis super-schlanke Bronze-Figuren – wie "Der schreitende Mann", "Die Hand" oder "Die Nase", die natürlich auch in der Tate zu sehen sind - erst diese Skulpturen machen ihn schließlich berühmt. Aber nicht Anerkennung, Geld und Ruhm sind Giacomettis Antrieb, sagt Grenier, sondern die Freude und das Leiden am kreativen Schaffensprozess.

Nie zufrieden

Er ist nie zufrieden mit einem fertigen Kunstwerk, sagt Grenier, sondern kommt jeden Morgen mit neuen Ideen, die er umsetzen will, in sein Studio, in dem meist ziemliches Chaos herrscht. Stundenlang sitzen Familie und Freunde Modell für ihn: vor allem sein Bruder Diego, seine ihm ergebene Frau Annette und später auch die Prostituierte Caroline, eine seiner vielen Geliebten. Im Januar 1966, kurz nach seiner ersten Retrospektive in der Tate Gallery, stirbt Alberto Giacometti in der Schweiz. Jetzt feiert London seine Rückkehr.

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