Ausstellung

„Someone Else. Die Fremdheit der Kinder“ im Museum für Neue Kunst in Freiburg im Breisgau

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AUTOR/IN
Astrid Tauch

Scheinbare Familienportraits entpuppen sich als Fakes: Die Ausstellung „Someone Else“ im Freiburger Museum für Neue Kunst spielt mit der Erwartungshaltung des Betrachters. Sie hinterfragt Familienidyllen und zerstört sie. Eine spannende, manchmal ratlos machende Ausstellung, die aber vielleicht auch den eigenen Horizont erweitert.

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Konstruierte Familienporträts

Eine großformatige Fotografie, darauf die klassische Familienkonstellation: auf dem Sofa sitzend die Töchter, dem Großvater zugewandt, im Hintergrund Mutter, Vater und ältester Sohn. Wohnzimmerambiente.

Bis der Blick auf den Ausstellungsflyer klarmacht: Es ist ein Fake, die New Yorker Fotografin und Videokünstlerin Jamie Diamond hat Menschen im Netz gefunden, sie in ein Hotelzimmer gebeten und sie zu gefakten Familien arrangiert.

Someone Else. Die Fremdheit der Kinder (Foto: Pressestelle, Courtesy: the Artist and KEWENIG Galerie, Berlin)
Jamie Diamond, The Al Bustans, aus der Serie Constructed Family Portraits, 2007-ongoing Pressestelle Courtesy: the Artist and KEWENIG Galerie, Berlin

Genauer hinsehen und nicht mit Klischees interpretieren

Die Künstlerin spielt mit der Erwartungshaltung des Betrachters, der in Gestik, Mimik und dem scheinbar vertrauten Zusammensitzen eine familiäre Verbundenheit zu sehen glaubt. Und umdenken muss. Aus Vertrautheit wird Fremdheit, die Protagonisten im Bild: „someone else“, jemand anderes.

Für Christine Litz, Direktorin des Freiburger Museums für Neue Kunst ist diese Fremdheit durchaus positiv besetzt: „Das Gute, dass man genauer hinsehen muss, nicht sofort mit seinen Klischees, Überlegungen etwas interpretiert. Sondern: Etwas ist fremd, ich versteh es erst mal nicht, ich setz mich damit auseinander, aber ich mache keine vorschnellen Urteile über etwas. Das ist, was einer Familie guttun kann“

Ein Videokünstler arbeitet den Mord an seinem Vater auf

1971 wird Erik Levines Vater in seinem Auto erschossen, der Täter nie gefunden. Der US-amerikanische Videokünstler begibt sich als Erwachsener auf die Spuren seines Vaters und entdeckt eine alte Videocassette mit Jagdszenen.

Der Vater als brutaler Trophäenjäger auf Safari irgendwo in Afrika. Levine verschränkt diese Jagdszenen mit dem Filmmaterial über die Ermordung seines Vaters, der ihm posthum erschreckend fremd geworden ist – eine wichtige Aufarbeitung.

Eine Konfrontation mit der Vergangenheit

Der albanische Filmemacher Anri Sala findet per Zufall eine Filmrolle mit Aufnahmen seiner Mutter, Valdet Sala, einer heute aktiven Menschenrechtlerin: 1977 umarmt sie der albanische Diktator Enver Hoxha auf einem kommunistischen Jugendkongress.

Dann gibt sie ein Interview, die Tonspur des Films ist verschwunden. Der Sohn lässt Taubstumme über Lippenlesen das Gesprochene rekonstruieren und konfrontiert die Mutter damit. Und macht daraus einen Film.

Eine Ausstellung, die einen anderen Blick auf das eigene Umfeld schafft

Ein kleiner Junge, schmächtig, nur mit Unterhose bekleidet, stapft mit wilden Gesten und Drohgebärden durch die Nacht. Die Stimme ist verfremdet, er brüllt sexistische Gewaltfantasien, die die amerikanische Videokünstlerin Chloé Piene dem Brief eines gefangenen Doppelmörders entnommen hat.

Die Diskrepanz zwischen Stimme und Bild ist frappierend, der Junge, little David, erscheint fremd, sich selbst völlig entfremdet. Ausgerechnet im Kind, in dem wir alle uns wiederfinden, weil wir selbst einmal Kinder waren, in dieser Ikone des Urvertrauens verortet Chloé Piene Fremdsein, eine fundamentale Fremdheit.

„Fremdheit ist ein Zustand, der anhält, das sagt nix über Nähe aus, es ist eine Annahme, dass es unauflöslich ist, wir werden unsere Fremdheit nicht los, das ist die Hypothese der Ausstellung“.

Eine Ausstellung, die spannend und fordernd ist und manchmal ratlos macht – aber im Idealfall einen anderen Blick auf das eigene Umfeld verschafft.

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