Ausstellung

„Sisters & Brothers“: Die Kunsthalle Tübingen zeigt Geschwister in der Kunst

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AUTOR/IN
Silke Arning

Mal sind sie die besten Freunde, mal die größten Rivalen – Geschwisterbeziehungen spielen nicht nur in der Familie, sondern auch für die ganz persönliche Entwicklung eine große Rolle. Eine Ausstellung der Kunsthalle Tübingen wirft einen Blick auf Brüder, Schwestern und ihre Darstellung.

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Aus unverbundenen Verwandten werden Seelenverwandte

Sie sehen aus wie Hanni und Nanni, die gerade von einem coolen Abenteuertrip zurückkommen: zwei Mädels aneinander gelehnt, die eine hat ihren Arm lässig über die Schulter der anderen gehängt. Tatsächlich aber geben sich hier in einem überdimensionierten Großdruck zwei Prinzessinnen die Ehre: Louise und Friederike von Preußen.

Mit diesem Bild beginnt eine neue Ära in der Geschichte der Geschwisterbeziehungen, erklärt Nicole Fritz, Direktorin der Kunsthalle Tübingen: „Es kommt zu einer Verbürgerlichung der Familie bzw. zu einer Verbürgerlichung der Gesellschaft im 17. und 18. Jahrhundert. Das hat Auswirkungen auch auf die Geschwisterbeziehungen. Die werden nämlich auch emotional idealisiert.“

Aus Schwestern, die vorher noch unverbunden nebeneinander gezeigt wurden, werden in der Darstellung plötzlich Seelenverwandte, erläutert Nicole Fritz weiter.

KUNSCHT berichtet aus der Tübinger Ausstellung:

Von Kain und Abel über die Antike bis zu Adelsportraits

Ein echter Paradigmenwechsel, denn das erste Geschwisterpaar der  Menschheitsgeschichte endete bekanntlich in einem Debakel: Kain erschlägt Abel aus Missgunst und Neid. Überhaupt sind diese frühen Beziehungen vor allem unter den Geschwistern von Göttern und Halbgöttern eher konfliktbeladen.

Streit um Erbe und Rangfolge spiegeln auch die unterkühlten Portraits der Adels- und Königskinder wider. Die Romantiker setzen bewusst dagegen: auf ihren Werken dominieren zärtliche Blicke, Geborgenheit in Mutters Schoß, händchenhaltende Schwestern:

Direktorin Fritz verweist auf ein kleinformatiges Werk von Eugène Carrière: „Hier sehen wir Geschwister, die sich küssen. Das hat natürlich nie so stattgefunden. Das ist vom Künstler wirklich konstruiert, um die Sehnsucht der Familie im Bürgertum ins Bild zu setzen.“ 

Sisters and Brothers. 500 Jahre Geschwister in der Kunst (Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Christoph Schmidt; Public Domain Mark 1.0)
Cornelis de Vos: Magdalena und Jan Baptist de Vos, die Kinder des Malers, 1621 - 1622, Gemälde / Leinwand 81 x 95,2 cm Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Christoph Schmidt; Public Domain Mark 1.0 Bild in Detailansicht öffnen
Nicholas Nixon: The Brown Sisters, Greenwich, Rhode Island, 1980, Silbergelatinen-Abzug, 19,3 x 24,4 cm, Olbricht Collection © Nicholas Nixon, courtesy Fraenkel Gallery, San Francisco Bild in Detailansicht öffnen
Cindy Sherman: Untitled, 2016, Dye sublimation metal print, 122.2 x 133.4 cm © Cindy Sherman, Courtesy the artist and Hauser & Wirth Bild in Detailansicht öffnen
Abbildung Doppelstandbild der Prinzessinnen Luise und Friederike von Preußen, 1796/97 Silke Arning Bild in Detailansicht öffnen
Blick in die Ausstellung - Julie Hayward: Let's Dance, 2014, Polyester, Aluminium je Objekt 120 x 110 x 250 cm Silke Arning Bild in Detailansicht öffnen
Thomas Schütte: Vier Schwestern im Bad, 1989; dahinter: Gert und Uwe Tobias: 6 PM (Kain und Abel), 2022 Silke Arning Bild in Detailansicht öffnen
Christian Jankowski: Family Constellation, 2020 Silke Arning Bild in Detailansicht öffnen

Nicht zu viel der Harmonie für die moderne Kunst

Die US-amerikanische Fotografin Cindy Sherman kommentiert das bürgerliche Geschwisterideal mit einer witzig genialen Fotocollage. Nach dem Motto „Die beste Schwester bin ich“ hat sie gleich vier Schwesternversionen von sich selbst in einem Bild nebeneinandergesetzt. 

Das gängige Klischee bürstet auch der schrille, tschechische Film mit dem ironischen Titel „Tausendschönchen“ aus dem Jahr 1970 gegen den Strich: nach Slapstick-Manier lässt er zwei aufmüpfige Schwestern auf die Umwelt los.

„Da sieht man zwei Mädchen, die die ganze Welt auf den Kopf stellen und alle Regeln, die in der Erziehung den Frauen zukommen, auf den Kopf stellen und hier ist auch eben der feministische Geist in den Film eingeschrieben.“

Mal Verbündete, mal Rivalen

Aufwachsen mit Bruder oder Schwester bedeutet, sich durchsetzen zu müssen, sich abzugrenzen oder aufeinander zuzugehen. Das zeigt sich in zeitgenössischen Arbeiten, die immer persönlicher, psychologischer werden. So imitiert der Künstler Christian Jankowski mit menschengroßen Holzskulpturen eine therapeutische Familienaufstellung. Doch am Ende dieser Ausstellung obsiegt wieder einmal der Wunsch nach Gemeinsamkeit, nach einem Wir-Gefühl, meint die Direktorin der Tübinger Kunsthalle Nicole Fritz.  

Sisters and Brothers. 500 Jahre Geschwister in der Kunst (Foto: SWR, Silke Arning)
Thomas Schütte: Vier Schwestern im Bad, 1989; dahinter: Gert und Uwe Tobias: 6 PM (Kain und Abel), 2022 Silke Arning

In diesem Sinne hat der Bildhauer Thomas Schütte die deutsch-deutschen Geschwister einfach mal in ein gemeinsames Bad gesetzt. Die Köpfe schauen gerade so aus dem Wasser heraus. Da scheint die elterliche Mahnung im Raum zu schweben: „Vertragt Euch!“.

Tübingen

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Silke Arning