Fotografie

Sharon Ya'ari im Heilbronner Kunstverein - Israel, die Moderne und andere Enttäuschungen

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Das erste Einzelausstellungs-Projekt des israelischen Künstlers in Deutschland

Der israelische Fotokünstler Sharon Ya´ari untersucht in seiner Ausstellung im Heilbronner Kunstverein die verschlungenen Beziehungen der Architektur-Moderne zwischen Israel und Deutschland. „The Romantic Trail and the Concrete House“ ist der Name des ersten Einzelausstellungs-Projekts des Künstlers in Deutschland.

„Die Relikte der Moderne haben ihre Zukunft schon hinter sich“, meint der Fotograf, „aber ich bewundere sie dennoch.“

Die Bilder wecken falsche Assoziationen

Das Katalogbuch zum aktuellen Projekt des israelischen Fotografen Sharon Ya'ari beginnt mit einer Bildserie von zylindrischen Betonkörpern im Straßenraum; abgeschabte, zerbröselnde, von hebräischen Graffiti überzogene Dinger – und man denkt fast reflexhaft: Aha, Durchfahrt-Sperren zur Terror-Abwehr.

Sharon Ya'ari  (Foto: Pressestelle, Sharon Ya'ari, Kunstverein Heilbronn)
Sharon Ya'ari Pressestelle Sharon Ya'ari, Kunstverein Heilbronn Bild in Detailansicht öffnen
Sharon Ya'ari, Snow Mountain (Two Trucks Full), 2019, Archival Pigment Print, 26 x 37 cm Pressestelle Sharon Ya'ari, Kunstverein Heilbronn Bild in Detailansicht öffnen
Ausstellungsansicht Kunstverein Heilbronn Pressestelle Sharon Ya'ari, Kunstverein Heilbronn Bild in Detailansicht öffnen
Sharon Ya'ari (*1966, lebt und arbeitet in Tel Aviv) zählt zu den renommiertesten israelischen Künstlern seiner Generation. Pressestelle Sharon Ya'ari, Kunstverein Heilbronn Bild in Detailansicht öffnen

Falscher kann eine Assoziation kaum sein, denn in Wahrheit sind die massiven Poller dekorative Elemente einer modernistischen Platzgestaltung. Ya'aris Ausstellung im Heilbonner Kunstverein zeigt noch einige andere Bilder eben jener Betonzylinder, jetzt aber aufgestellt im Garten der Krefelder Villa Esters, einem echten Mies van der Rohe.

Der Verfall der Arbeitersiedlung Nahalal wird deutlich

Vor diesem denkmalgeschützten Juwel wirkt die Gruppe ranziger Poller wie eine Clique von Proleten, die in einen gepflegten Bürger-Salon platzen. Die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel sind eben ambivalent, auch auf dem Feld der Architekturgeschichte.

Während in Stuttgart die Weißenhofsiedlung entstand - damals als „Araberdorf“ geschmäht - bauten im britischen Mandatsgebiet Palästina Architekten wie der aus Frankfurt stammende Richard Kauffmann wunderbare Siedlungen im Bauhaus-Stil. Sharon Ya'ari hat ein typisches Kauffmann-Werk abgebildet, das Gemeindezentrum der Arbeitersiedlung Nahalal.

Es wurde 1930 fertig, im selben Jahr wie die edle Villa Esters in Krefeld, doch schon zehn Jahre später diente das Kulturzentrum als Produktionsstätte von Kriegswaffen; mittlerweile steht es seit Jahrzehnten leer. Sein Verfall ist auf dem großformatigen, detailreichen Bild von Sharon Ya'ari schmerzhaft genau zu erkennen.

Israel muss ein verwirrender Ort sein

Die verkehrte Welt mit ihren verspulten Verhältnissen zwischen Europa und dem Nahen Osten hat eine Entsprechung in der Geschichte der Fotografie. Seit dem 19. Jahrhundert blühte eine klischeelastige Schwärmerei für alles Orientalische, die vor allem britische und französischen Fotografen ins Gelobte Land lockte.

Den Eindruck von Tohuwabohu erweckt Sharon Ya'ari, indem er seinen Architekturfotografien beiläufige Schnappschüsse hinzufügt. Da stehen einsame Vögel verloren zwischen Autos herum, jemand wässert einen Garten, in dem statt Pflanzen Kristallglas-Gegenstände stehen, Kinder und Familien spielen auf einem Haufen Schnee, der eigens mit Lastwagen in eine mediterrane Stadt gekarrt wurde und dort in wenigen Stunden zerrinnt. Israel, so sagen diese Bilder, muss ein verwirrender Ort sein, oder ein verwirrter.

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