Fotografie

Sex, Gewalt, Krieg und Foto-Tabus – kommen neue Bilderverbote?

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Andreas Langen

In den Bildwissenschaften ebenso wie in künstlerischen Hochschulen reagieren jüngere Betrachter*innen zunehmend empfindlich auf Fotografien, die sie nicht sehen möchten. „Es hat mit dem Overkill an digitalen Bildern zu tun“, meint Thomas Schadt von der Filmakademie Ludwigsburg, „aber wir können im Dialog bleiben, indem wir unsere eigenen, persönlichen Geschichten miteinander teilen.“

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Fotografische Zeitdokumente rufen Kritik hervor

Thomas Schadt, Rektor der Filmakademie Ludwigsburg, zeigt in seinem Unterricht oft ikonische Bilder. Eines dieser Motive ist das berühmte Schwarz-Weiß-Foto „Der Schrecken des Krieges“, 1972 von dem Bildreporter Nik Ùt aufgenommen bei einem Napalm-Angriff auf ein Dorf in Vietnam.

„Das Bestechende an dem Bild ist ja, dass ein nacktes, junges, fliehendes Mädchen auf den Fotografen zuläuft, im Hintergrund sieht man Bombenexplosionen, Rauch: Gewalt in Verbindung mit kindlicher Nacktheit“, erklärt Schadt.

Im wirklichen Leben hat der Fotograf damals das schwer verletzte Mädchen Kim Phuc ins Krankenhaus gebracht und so dessen Leben gerettet. Sein Foto erhielt den Pulitzer-Preis, hat die Welt aufgerüttelt und dazu beigetragen, den Vietnamkrieg zu beenden. Im Ludwigsburger Seminar aber rief das Bild neulich ganz andere Reaktionen hervor, berichtet Thomas Schadt.

„Typisch – hat ein Mann fotografiert. Warum musste das Mädchen nackt sein? Könnte das womöglich inszeniert worden sein? Oder auch: Warum hat man mich nicht vorgewarnt, überhaupt so ein Bild betrachten zu müssen?“ , seien Fragen in seinem Seminar gewesen.

 Auch in der Wissenschaft schauen Jüngere kritisch auf Bilder

Auch andernorts werden die gereizten Kommentare lauter. An einer renommierten Berliner Fotografie-Schule haben Studierende neulich ein Seminar abgebrochen, weil ihnen eigentlich harmlos-schwülstige Aktfotos aus dem 19. Jahrhundert als sexistisch erschienen.

Und sogar in der Wissenschaft schauen Jüngere zunehmend kritisch auf Bilder, die moralische Grenzen überschreiten. So beobachtet es die Hamburger Kunsthistorikern Petra Bopp: „Ich habe es bei Vorträgen erlebt, wo junge Historiker, Historikerinnen sich berührt empfanden über bestimmte Kriegsbilder. Es gab zudem dann auch noch Wortmeldungen von einer Historikerin, die gesagt hat, solche Fotos dürften überhaupt gar nicht gezeigt werden. Und das grenzt dann schon an neue Bilderverbote“, sagt Bopp.

Wie umgehen mit Fotos, die offensichtlich ein Tabu sind?

Die strittigen Bilder sind tatsächlich schwer zu ertragen. Ein Beispiel: Im Zweiten Weltkrieg stießen Wehrmachtssoldaten beim Vormarsch in Frankreich oft auf Truppen aus dem Senegal.

Den Deutschen galten Afrikaner als Untermenschen, daher massakrierten sie sie meistens auf der Stelle, auch wenn sich ihre Gegner ergeben hatten. „Und sie haben sie auch fotografiert, sodass oft das Gesicht der Toten zu sehen war. Und das ist eigentlich ein Tabu. Aber für die deutschen fotografierenden Wehrmachtssoldaten waren das eben keine adäquaten Gegner. Und von daher konnten sie sie auch einfach so fotografieren.“

Sollten kritische Bilder gezeigt oder verbannt werden?

Die Frage für unseren heutigen Umgang mit solchen Zeugnissen der Barbarei ist nun, ob man sie verbannt – da barbarisch – oder eben betrachtet – da sie mahnen, was Barbarei bewirkt. Die Antwort der Wissenschaftlerin ist klar: Petra Bopp plädiert dafür, die historischen Quellen zu zeigen und zu befragen.

Auch an der Filmakademie Ludwigsburg ist Wegschauen keine Option, zumal digitale Schreckensbilder immer nur einen Klick entfernt sind. Thomas Schadt deutet die Gereiztheit seiner Studierenden als Folge der ständigen Überdosis digitaler Bilder. 

„Junge Leute heutzutage, die haben halt alles schon gesehen, bevor sie es entdecken. Ich verstehe auch die Sehnsucht, dass sie eher so was wie Regularien, ja, manchmal sogar Reinheitsgebote suchen, weil sie sich selbst vor diesem Overkill schützen wollen, in dem sie sozialisiert worden sind.“

Für seinen schwierigen Dialog mit den digital Versehrten der Gegenwart hat Thomas Schadt ein probates Mittel, das freilich einiges an Mut verlangt: Rückhaltlos ehrlich von sich selbst zu erzählen. 

Thomas Schadt hat einen sehr lesenswerten Aufsatz über seine Erfahrungen mit dem Thema geschrieben.

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Andreas Langen