Fotografie

Saarbrücken ist viel schöner als Paris – Fotoausstellung „Ortswechsel“ im Schauwerk Sindelfingen

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Eine Auswahl von 250 Fotografien aus der Sammlung des Saarlandmuseums gastiert im Schauwerk Sindelfingen. Die Ausstellung erinnert an eine Strömung der experimentellen Fotografie, die in den 1950er -ahren vom Saarland aus international Furore machte: die „Subjektive Fotografie“. Auch heute, so der Saarbrücker Sammlungsleiter Dr. Roland Augustin, lohnt die Wiederentdeckung: „In der Offenheit dieser Kunstauffassung steckt viel utopisches Potential.“

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Ein ehemaliger Truppenarzt definierte in Saarbrücken die Fotografie neu

Es gab mal eine Zeit, da war Saarbrücken cooler als Paris, jedenfalls für Fotografen. Grund dafür war, dass dort ein Mann mit großem Ego die Fotografie neu definierte: Otto Steinert. Der vormalige Truppenarzt führte ein strenges Regiment als Hochschullehrer, posierte als breitbeiniger Boss mit Zigarre.

Kurz nach dem Krieg hatte Steinert die „Subjektive Fotografie“ ausgerufen – ein Sammelbegriff für alles nur Denkbare an Stilen und Genres; Hauptsache: persönliche Handschrift, künstlerischer Ausdruck, am liebsten abstrakt und experimentell.

Ausstellung „Ortswechsel“ im Schauwerk Sindelfingen (Foto: Pressestelle, Schauwerk Sindelfingen)
Ausstellungsansicht ORTSWECHSEL. Fotografie aus der Modernen Galerie – Saarbrücken Pressestelle Schauwerk Sindelfingen Bild in Detailansicht öffnen
Otto Steinert, Lampen an der Place de la Concorde, 1952 Pressestelle Nachlass Otto Steinert, MUSEUM FOLKWANG Essen, Foto: Tom Gundelwein Bild in Detailansicht öffnen
László Moholy-Nagy, ohne Titel, 1939, Saarbrücken, Saarlandmuseum / Stiftung Saarländischer Kulturbesitz, Fotografische Sammlung Pressestelle Foto: Tom Gundelwein Bild in Detailansicht öffnen
Monika von Boch, Halme in der Wüste, 1954, Saarbrücken, Saarlandmuseum / Stiftung Saarländischer Kulturbesitz, Fotografische Sammlung Pressestelle VG Bild-Kunst, Bonn 2021, Foto: Tom Gundelwein Bild in Detailansicht öffnen
Henri Cartier-Bresson, Alberto Giacometti, 1961, Saarbrücken, Saarlandmuseum / Stiftung Saarländischer Kulturbesitz, Fotografische Sammlung Pressestelle VG Bild-Kunst, Bonn 2021 Bild in Detailansicht öffnen
Boris Becker, Blinder Durchgang, 2014, Saarbrücken, Saarlandmuseum / Stiftung Saarländischer Kulturbesitz, Fotografische Sammlung Pressestelle Boris Becker, Köln und VG Bild-Kunst Bonn, 2021 Bild in Detailansicht öffnen
Ausstellungsansicht ORTSWECHSEL. Fotografie aus der Modernen Galerie – Saarbrücken mit Werken von Henri Cartier-Bresson Pressestelle VG Bild-Kunst, Bonn 2021 Bild in Detailansicht öffnen

„Subjektive Fotografie“ als inoffizielle Staatskunst aus dem Saarland

Otto Steinert ist auch das heimliche Zentralgestirn der Schau in Sindelfingen. Der Maestro schickte in den 50er-Jahren Ausstellungen unter dem Label „Subjektive Fotografie“ in alle Welt und machte sie damit zu einer Art inoffizieller Staatskunst.

Das Saarland war damals losgelöst von Deutschland als teil-autonomes Gebiet mit eigener Flagge, Hymne und Pass - ein politisches Gebilde, das zum Kern eines kommenden Europas hätte werden können. „Da sind sehr viel utopische Gedanken auch im Spiel, dass die Subjektive Fotografie quasi der Selbstausdruck dieses autonomen Europa-Staates war und sein sollte“, erklärt Roland Augustin.

Nach der Eingliederung des Saarlands in die Bundesrepublik machte Steinert Karriere in Essen

Doch im Oktober 1955 stimmen die Saarländer in einem Volksentscheid dagegen, ein neuer europäischer Staat zu werden. Es folgt die Eingliederung in die Bundesrepublik, das politische Labor verliert seine Funktion, das Zentrum wird zur Randlage.

Damit ist auch Otto Steinert in Saarbrücken am Ende. Quasi über Nacht wird seine Hochschule geschlossen, ihr einst hofierter Chef ausgebootet. Steinert geht nach Essen, macht Karriere an der berühmten Folkwang-Universität der Künste.

Auf nach Sindelfingen!

Seine „Subjektive Fotografie“ gerät ins Hintertreffen. Die documenta sechs im Jahr 1976 macht die kühlen Architekturfotos von Bernd und Hilla Becher zum großen neuen Ding, weniger subjektiv geht’s kaum.

Die reich bestückte Ausstellung im Schauwerk gibt jetzt Gelegenheit, die „Subjektive Fotografie“ mitsamt Vorläufern und Nachfolgern neu zu entdecken. Also auf nach Sindelfingen – die vermeintliche Provinz, so kann man hier mal wieder sehen, ist oft für eine Horizonterweiterung gut.

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