Gespräch

„Richard Wagner und das deutsche Gefühl“ im Deutschen Historischen Museum in Berlin

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INTERVIEW
Marie Gediehn

Das Deutsche Historische Museum feiert eine Premiere: Mit seiner Schau „Richard Wagner und das deutsche Gefühl“ widmet es sich erstmals einem Komponisten. Im Gespräch nennt der Kurator der Ausstellung, Michael P. Steinberg, dies „eine sehr interessante Herausforderung“, bei der es darum gegangen sei, Musik nicht wegzulassen.

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Entfremdung, Eros, Zugehörigkeit und Ekel als wesentliche Emotionen Wagners

Für den New Yorker Professor für Geschichte, Musik und Germanistik ist Wagner „voller Widersprüche“: „Er ist der Erfinder des modernen rassischen Antisemitismus. Auf der anderen Seite ist er ein Genie, das fantastische Musik geschrieben hat.“ Er wende sich dagegen, so Steinberg, den Komponisten und den Denker voneinander zu trennen: „Die zwei Ebenen gehen zusammen.“

Als Komponist nennt Steinberg Wagner einen „Gefühlstechniker“. „Wagner hat sein Publikum gelehrt, Musik neu zu fühlen“, sagt Steinberg. Vor allem Innerlichkeit sei für ihn eine „deutsche Fähigkeit“ gewesen. Deshalb versuche die DHM-Ausstellung, vier Gefühle darzustellen – auch in so genannten „Opernräumen“, in denen kurze Ausschnitte aus Wagners Opern zu sehen sind. Als diese wesentlichen Emotionen bei Wagner nennt Steinberg Entfremdung, Eros, Zugehörigkeit und Ekel.

Richard Wagner und das deutsche Gefühl (Foto: Joseph Albert, 1864, © Wagner-Sammlung im Thüringer Museum Eisenach/Reuter-Wagner-Museum)
Richard Wagner im Kreis seiner Freunde und Anhänger, aufgenommen anlässlich der Uraufführung von Tristan und Isolde. Joseph Albert, 1864, © Wagner-Sammlung im Thüringer Museum Eisenach/Reuter-Wagner-Museum

Für erfahrene Wagnerianer und Menschen, die Wagner bislang als Tabu sahen

Er legt Wert auf die Feststellung: „Diese Gefühle sind nicht wesentlich deutsch.“ Allerdings gebe es zum Beispiel bei der Entfremdung Parallelen zu Karl Marx, zu dem das DHM ebenfalls eine aktuelle Ausstellung zeigt. Als Publikum stellt sich der Kurator sowohl erfahrene Wagnerianer vor wie auch Menschen, für die der Komponist bisher „ein Tabu"“ dargestellt habe.

Michael P. Steinberg ist Professor für Geschichte, Musik und Germanistik an der Brown-University in New York. Er war von 2016 bis 2018 Präsident der American Academy in Berlin. Von 2009 bis 2013 arbeitete er als Dramaturg einer gemeinsamen Produktion des „Ring der Nibelungen" durch die Berliner Staatsoper und der Mailänder Scala.

Musikgespräch „Wagner, Bayreuth und der Rest der Welt“ – Axel Brüggemann über seinen Film

„Menschen auf der ganzen Welt und mit ganz unterschiedlichen kulturellen Backgrounds sind in ihrer Wagner-Leidenschaft vereint“, staunt Axel Brüggemann, dessen Film „Wagner, Bayreuth und der Rest der Welt“ am 28. Oktober in die Kinos kommt. Auf seiner „dokumentarischen Reise durch die Welt der Wagnerianer“ traf Brüggemann Juden und Moslems, Metzger und Musiker, beobachtete Christian Thielemann beim Dirigieren und die Bayreuther Festspiel-Chefin Katharina Wagner beim Inszenieren. In SWR2 berichtet er, wie er sich als Regisseur und selbsternannter Wagnerianer einen kritischen Blick auf die Ikone Wagner bewahrt hat und sie auch immer mal wieder augenzwinkernd erdet.  mehr...

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