James Rosenquist Retrospektive im Kölner Museum Ludwig Eintauchen ins Bild

Kulturthema am 17.11.2017 von Berit Hempel

Der ehemalige Reklamemaler James Rosenquist nutzte die ganze bunte Waren- und Medienwelt des Westens. Er blies seine Motive ins Riesenhafte auf und schuf Räume, in denen der Besucher in die Kunst eintauchen kann. "Eintauchen ins Bild" lautet auch der Untertitel einer Ausstellung im Kölner Museum Ludwig. Sie zeigt gleich drei dieser begehbaren Räume und wirft mit neuen Rechercheergebnissen einen neuen Blick auf die Kunst. Rosenquist selber hatte an der Werkauswahl mitgearbeitet, die Eröffnung hat er allerdings nicht mehr erleben können, er starb im März diesen Jahres.

Der ehemalige Reklamemaler James Rosenquist nutzte die ganze bunte Waren- und Medienwelt des Westens: auf raumgreifenden, meterlangen Gemälde zerfließen riesige Butterstücke in einer heißen Pfanne, fliegen übergroße Schinkenstreifen durch das Weltall. Der US-amerikanische Präsident John F. Kennedy grinst mit einem Zahnpasta-Lächeln neben einem dicken Stück Torte und den glänzenden Chromfelgen eines Straßenkreuzers. Dem Kurator Stephan Diederich geht es in der Ausstellung "James Rosenquist. Eintauchen ins Bild" allerdings um mehr als den oberflächlichen Blick: "Das Problem an den Bildern Rosenquists ist, dass diese zweite, dritte, vierte Ebene, die diese Bilder durchaus haben, nicht auf den ersten Blick gesehen wird oder gar nicht gesehen wird."

James Rosenquist (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - Foto: Oliver Berg/dpa)
Das Bild "President Elect" in der Ausstellung "Eintauchen ins Bild" von James Rosenquist im Museum Ludwig in Köln. picture-alliance / dpa - Foto: Oliver Berg/dpa

Ein politischer Mensch

Zum Beispiel das Portrait von Kennedy als Kritik an der Selbstinszenierung, banale Dinge wie abgeschnittene Telefonkabel oder eine Telefonschnur mit Hörer als konkrete Anspielungen auf Abhöraffären. Museumsdirektor Yilmaz Dziewior sieht James Rosenquist aber nicht als politischen Künstler: "Ich würde sagen, er war ein politischer Mensch, wie viele auch gerade in dieser Zeit - also wir reden hier von den 1968/70er Jahren - dezidiert gegen den Vietnamkrieg demonstriert haben. Er war sogar im Gefängnis deshalb in Untersuchungshalb. Das heißt, er hatte ein großes politisches Bewusstsein."

Abstraktes im Alltäglichen

Belege für diese These liefert die Ausstellung mit der Suche nach dem Ausgangsmaterial für Rosenquists Bilder. Der Künstler fand seine Motive in Zeitschriftenfotos, die er dann in Ausschnitten collagenhaft abgemalt hat: zwei Männerbeine, eine Orange und einen Kamm beispielsweise. Drei Museumsmitarbeiter haben mehrere Monate lang in alten Zeitschriften gewühlt und das Ausgangsmaterial tatsächlich gefunden: Die Orange aus einer Anzeige für Fruchtsaft und die Werbung für den schwarzen Kamm. Doch die Beine stammen von einem Foto zu einem Artikel über Rassenunruhen in Südafrika. Dieser Hintergrund verändert die Lesart des Bildes.

Auf der anderen, der künstlerischen Seite wollte Rosenquist mit seinen bis fast zur Unkenntlichkeit aufgezogenen Bildern neue Wege gehen. So entstanden Gemälde, die mehr als zehn Meter lang und mehrere Meter hoch sind. Oder auch Bilder wie das berühmte F 111 aus dem Moma, die alle vier Wände eines Raumes ausfüllen und den Betrachter von allen Seiten umschließen. Nudeln und Schneebesen geraten riesengroß, Finger wachsen auf Menschengröße heran. Rosenquist wollte mit diesen alltäglichen Motiven noch abstrakter sein als es die abstrakte Malerei bis dahin war:

"Er argumentierte, dass für ihn die abstrakte Malerei // zu wenig abstrakt war in dem Sinne, als dass in dieser abstrakten Form ständig Gemütsverfassungen, Bilder oder ähnliches hinein interpretiert wurden."

Mit rund 55 Werken – darunter raumgreifende, begehbare Arbeiten, kleine Fotos sowie Zeichnungen - und durch die Aufarbeitung des Quellenmaterials zeigt die Ausstellung "James Rosenquist. Eintauchen ins Bild" völlig neue Aspekte. Gleichzeitig stärkt das Museum Ludwig, das 5 Meter große Werke Rosenquists besitzt, sein eigenes Profil als Ort für moderne Kunst und für wichtige künstlerische Positionen.

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