Ausstellung

„punktpunktkommastrich“ — Das Literaturmuseum der Moderne in Marbach würdigt die kleinen Zeichen

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In der Regel stehen Texte und Inhalte an erster Stelle im Marbacher Museum. Bei „punktpunktkommastrich“ jedoch liegt der Fokus im Literaturmuseum der Moderne auf dem, was zwischen den Zeilen steht: Punkte, Striche, Kringel, Zahlen und Geheimcodes. So übt der evangelische Pastor und Dichter Eduard Mörike durch verschlüsselte Zeichen Kritik an der katholischen Kirche. Eine unterhaltsame Schau, die selbst dem kleinsten Punkt eine große Bühne bietet.

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Mensch und Maschine machen Text

Es sieht aus wie eine Anzeigentafel auf dem Flughafen: Auf Knopfdruck rattern Buchstaben über den Bildschirm, um sich dann nach dem Zufallsprinzip zu immer neuen Sätzen zu formieren. Der Poesie-Automat von Hans Magnus Enzensberger wirft Fragen nach dem Dichter auf: Denn, obwohl vom Autor mit Worten gefüttert, scheint letztlich die kreative Kraft des Computers die Zeichen zu lenken.

punktpunktkommastrich – Zeichensysteme im Literaturarchiv (Foto: Pressestelle, DLA Marbach)
Einladung zum Tee von Hilde Domin (Hase) für Ihren Mann Erwin Walter Palm (Äffchen). Pressestelle DLA Marbach Bild in Detailansicht öffnen
Handabdruck von Yvan und Claire Goll Pressestelle DLA Marbach Bild in Detailansicht öffnen
Yvan Goll: Analyse von Versen Gérard de Nervals bzw. eines eigenen Gedichts aus seiner Sammlung „Jean sans Terre“. Pressestelle DLA Marbach Bild in Detailansicht öffnen
Friederike Hauffe, somnambule Patientin des Weinsberger Arztes und Dichters Justinus Kerners und bekannt als „Seherin von Prevorst“, entwickelte im magnetischen Schlaf Zeichensysteme ihrer „inneren Sprache“. Pressestelle DLA Marbach Bild in Detailansicht öffnen
Erich Kästner: Übersicht zu Daten der deutschen Geschichte in Gabelsberger Kurzschrift, möglicherweise Spickzettel oder Lernhilfe. Pressestelle DLA Marbach Bild in Detailansicht öffnen
Oskar Pastiors Gedicht „What makes the poet tick“ Pressestelle DLA Marbach Bild in Detailansicht öffnen

Zeichen als Schlüssel zur Geheimsprache

Die neue Marbacher Ausstellung lenkt den Blick vom Text auf Zahlen, Bilder, auf Computer- oder auch Geheimsprachen. Eduard Mörike zum Beispiel: Der habe schon als 14-Jähriger seine Texte verschlüsselt, erzählt Kuratorin Vera Hildenbrandt.

„Punktpunktkommastrich“ – so winzig die Zeichen sind, so mächtig sind sie. Eine andere Reihenfolge, ein anderer Kontext – und schon stellen sich ganz neue Bedeutungen ein. Wie kreativ und funktional Dichterinnen und Dichter die Zeichen in ihre Werke einbauen, zeigen die Beispiele im Hauptraum dieser Ausstellung. Oskar Pastior übersetzt ein Anagrammgedicht in einen poetischen „Schaltplan“ und in seinen „gewichteten Gedichten“ verbindet er die Buchstaben mit Zeichenwerten.

Biografie per „Glücksrad“ schreiben

punktpunktkommastrich – Zeichensysteme im Literaturarchiv (Foto: Pressestelle, DLA Marbach)
Dieter Kühns Adaption des kombinatorischen Systems von Ramon Llull (um 1300) Pressestelle DLA Marbach

Wie man auf raffinierte Art das autobiographische Schreiben revolutioniert, zeigt der mittelalterliche Computer, den sich Dieter Kühn bauen ließ: Fünf aufeinander montierte kreisrunde Holzscheiben, die an ein Glücksrad erinnern. Jede Scheibe ist mit Zeichen versehen, die einen konkreten Bezug zum Leben Dieter Kühns darstellen, erklärt Hildenbrandt: „Sei es sein Werk, seine Freunde, seien es Reisen, die ihn beschäftigt haben, Malerei oder Musik. Diese Schreiben lassen sich gegeneinander drehen. Und Dieter Kühn hat das tatsächlich seine Lebensgefährtin tun lassen, die ihm so etwa 80 Seiten seiner autobiographischen Romans 'Das magische Auge' zusammengewürfelt hat.“

Gespräch Schillerrede 2021 – Anne Weber über Freiheit, Heldentum und Ironie

In diesem Jahr hält die Autorin und Übersetzerin Anne Weber in Marbach die Schillerrede.
Gerade die großen Fragen, die Friedrich Schiller in seinen historischen Dramen stellt – die Fragen nach Fremdherrschaft, Unfreiheit und nach dem Kampf um Gedankenfreiheit, auch die Frage, was man für ein Ideal aufs Spiel setzen darf – diese Fragen haben auch sie in ihrem Buch „Annette, ein Heldinnenepos“ umgetrieben, sagt die Autorin und Übersetzerin Anne Weber. Für „Annette, ein Heldinnenepos“, einen Roman, der sich das Leben der Medizinerin und Résistance-Kämpferin Anne Beaumanoir zum Vorbild genommen hat, hat Anne Weber 2020 den Deutschen Buchpreis bekommen.
Figuren wie der Marquis von Posa in Schillers Don Karlos oder die Figur Annette in ihrem Buch seien Figuren, die man nicht verklären könne, sondern in ihrem ganzen Zwiespalt darstellen müsse, meint Anne Weber. Der Titel „Annette, ein Heldinnenepos“ breche den Begriff des Heldentums ironisch. Hier sei auch der sprachliche Ton der Geschichte wichtig. Aller Heldenkult und alle Überhöhung müsse heute banalisiert und ironisiert werden, denn mit dem Begriff des Helden sei in der Geschichte großer Missbrauch begangen worden. Vor jeder Art von Heldenkult sei heute überholt, so Anne Weber.  mehr...

SWR2 Journal am Mittag SWR2

Gespräch „Franz Kafka — Die Zeichnungen“ von Andreas Kilcher: Eine neue Sicht auf Kafka

Durch die 2019 in den Tresoren der Schweizer UBS-Bank im Nachlass von Max Brod entdeckten Zeichnungen von Franz Kafka, zeige sich eine ganz neue Facette des Schriftstellers, so der Schweizer Literaturwissenschaftler Andreas Kilcher, gegenüber SWR2: „Der Umfang des entdeckten Zeichnungs-Corpus ist so bedeutend, dass man eine neue Seite Kafkas kennenlernt“.  mehr...

SWR2 Journal am Mittag SWR2

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